Nordenham

Nordenhamerin rettet Hunderte von Igeln

Igel haben kein leichtes Leben. Rund 300 Tiere versorgt Nicole Schneider in Nordenham jährlich in ihrer Igelstation am Abbehauser Wischweg. Igel leiden unter dem Schwund an Insekten ebenso wie unter sterilen Gärten, Mährobotern und Müll.

Neugierig und niedlich ist dieser junge Igel. Er wird in der Igelstation am Abbehauser Wischweg 1 in Nordenham untersucht. Matilda ist viel zu leicht für ihr Alter. Sie muss aufgepäppelt werden.

Neugierig und niedlich ist dieser junge Igel. Er wird in der Igelstation am Abbehauser Wischweg 1 in Nordenham untersucht. Matilda ist viel zu leicht für ihr Alter. Sie muss aufgepäppelt werden.

Foto: Heilscher

Eigens aus Bremen ist der ältere Herr mit dem Igel im Pappkarton in die Abbehauser Wisch gekommen. Warum dieser weite Weg? Die Igelstation in Nordenham habe er telefonisch erreichen können, sagt er. Andere nicht. Er hebt das Tier aus dem Karton. „Sieht eigentlich gut aus“, sagt Nicole Schneider. Aber es riecht nicht gut. Behutsam untersucht sie den Igel und stellt dann fest, dass der Hals ganz wund ist. Tief ins Fleisch eingeschnürt hat sich ein Kordelring.

Wie kommt der dorthin? „Als junges Tier wird der Igel den Kopf hineingesteckt haben“, erklärt Nicole Schneider. Dann ist das Tier gewachsen. Und irgendwann hat die Kordel ihn gewürgt, hat sich ins Fleisch gefressen. Es wurde höchste Zeit, dass die Kordel entfernt wird. Nicole Schneider nimmt eine Pinzette und zieht das Band vorsichtig aus der Haut. Am Tag drauf geht es zum Tierarzt. Der soll sich den Igel noch einmal anschauen und, falls erforderlich, weiter verarzten.

Kordel, Plastikringe von Getränkeflaschen, Netze von Meisenknödeln, Pappbecher von Fastfood-Ketten: Was achtlos in der Umwelt landet, kann für Igel zur tödlichen Falle werden. „Das erleben wir immer wieder“, betont Nicole Schneider.

Wir, das ist ein Netzwerk von Frauen in der Region, die sich um unterernährte, kranke oder verletzte Igel kümmern. Nicole Schneider arbeitet eng zusammen mit Igelstationen in Bexhövede und Weddewarden. Weitere Stationen in Berne und Phiesewarden sind geplant, denn die Igelbetreuerinnen sind überlastet.

Wie wird jemand zur Igelbetreuerin? Wie es eben so ist, wenn man merkt, dass Hilfe erforderlich ist und die sonst keiner leistet. Nicole Schneider hat Mitte des vergangenen Jahrzehnts damit begonnen, Igel zu pflegen. Aus diesen Anfängen hat sich eine großzügige, gut ausgestattete Pflegestation für Igel entwickelt. Die Nordenhamerin macht das alles ehrenamtlich, neben einem Vollzeitjob im Büro. Seit 2020 ist sie vom Landkreis Wesermarsch zur Landschaftswartin für Igel ernannt.

Mittwochabend in der Abbehauser Wisch, 17 Uhr. Ein kleiner stacheliger Patient nach dem anderen wird vorbeigebracht. Nicole Schneider untersucht und behandelt sie. Eine wichtige Hilfe ist ihr bei ihrer Arbeit ein leistungsstarkes Mikroskop. Damit analysiert sie Kotproben und stellt regelmäßig Darmparasiten fest. „Das liegt an der Ernährung“, sagt die Tierschützerin. Ebenso wie die Atemprobleme vieler Igel.

Am Beispiel des kleinen Igels wird das ganze Drama unseres Umgangs mit der Natur deutlich. Weil es immer weniger Insekten gibt, weichen die Igel, um satt zu werden, aus auf Schnecken und Würmer. Die seien aber Zwischenwirte für Parasiten, die dann die Igel befallen, erläutert Nicole Schneider. Die Igel werden krank, weil sie nicht mehr genügend Käfer finden. Bis zu 300 Käfer pro Nacht würde ein Igel sammeln, wenn er sie denn fände.

Finden die Igel nicht genug Käfer, schädigt das das Immunsystem. Der Befall durch Lungenparasiten führt zu massiver Atemnot. Die Tiere husten nicht nur, die Atemwege verschleimen, die Nase verstopft. Damit ist der Igel seines wichtigsten Sinnesorgans beraubt. Ohne seinen Geruchssinn findet er nicht genügend Nahrung. Ein Teufelskreis.

Was tun? Nicole Schneider und Christiane Beißner von der Igelstation Bexhövede raten dazu, Igel zu füttern. So wie man Vögel füttert. Und womit? Am besten mit Katzenfutter ohne Gelee und ohne Soße oder mit Rühreiern ohne Öl und Gewürze, sagen die beiden. Um zu verhindern, dass Katzen oder Ratten an das Futter gehen, sollte das Futterhaus zwei Röhren als Zugänge haben, erläutert Christiane Beißner.

Vermüllung, Insektensterben. Igel haben es schwer. Aber es gibt noch ein weiteres großes Problem für die putzigen Tiere: den Klimawandel. „Die Sommer sind zu trocken für Igel, die Winter zu mild“, erläutert Nicole Schneider. Eigentlich müssten Igel jetzt Winterschlaf halten. Durch milde Temperaturen im Winter wird ihr natürlicher Rhythmus durcheinandergebracht.

Das ist der eine Grund dafür, dass man im Frühwinter manchmal noch Igel durch die Gärten spazieren sieht, obwohl sie längst schlafen sollten. Der andere ist, dass viele Igel unterernährt sind. Nicole Schneider sieht das auf den ersten Blick. „Ein gut genährter Igel hat die Form einer Birne“ erklärt sie. „Wenn sie aussehen wie eine Wurst, reicht das nicht für den Winter. Sie verhungern, wenn sie nicht gefüttert werden.“ Ein junger Igel aus diesem Jahr sollte mindestens 650 Gramm wiegen, erläutert Christiane Beißner, ein erwachsenes Tier 1000 bis 1500 Gramm auf die Waage bringen.

Der Klimawandel ist eine große Herausforderung. Wer etwas für Igel tun möchte, könne aber auch schon was im Kleinen bewirken, betont Nicole Schneider. Stichwort: Gartengestaltung. Je naturnaher ein Garten, umso mehr Insekten. Umso besser der Lebensraum für einen Igel. „Igel brauchen unaufgeräumte Ecken mit Gehölz und Laub“, weiß Nicole Schneider. Und noch eine Bitte hat sie: Rasenroboter haben in einem igelfreundlichen Garten nichts zu suchen. Ganz besonders schlimm sind sie für Igel, wenn sie nachts laufen. Die Roboter können den Igeln üble Verletzungen zufügen. Nicole Schneider zeigt einige Bilder, die den Betrachter schaudern lassen. Von den Herstellern erwartet sie, dass sie das Schneidwerkzeug igelfreundlich einhausen.

Zusatzinfo

Igelstation

Die Igelstation arbeitet komplett ehrenamtlich und ist auf Spenden angewiesen.

Paypal: infoigelhilfenordenham@web.de

oder Konto: DE62 1001 1001 2626 1125 81

Kontakt: 0151/72923793

Seit Jahren kümmert sich Nicole Schneider vom Abbehauser Wischweg um Igel. Die Igelstation ist bestens ausgestattet.

Seit Jahren kümmert sich Nicole Schneider vom Abbehauser Wischweg um Igel. Die Igelstation ist bestens ausgestattet.

Foto: Heilscher

Igel sind mit zahlreichen Gefahren konfrontiert. Dieses Tier hat als Jungigel eine Kordel um den Hals bekommen, die inzwischen in die Haut eingewachsen war.

Igel sind mit zahlreichen Gefahren konfrontiert. Dieses Tier hat als Jungigel eine Kordel um den Hals bekommen, die inzwischen in die Haut eingewachsen war.

Foto: Heilscher

Nicole Schneider entfernt die Kordel vorsichtig mit einer Pinzette.

Nicole Schneider entfernt die Kordel vorsichtig mit einer Pinzette.

Foto: Heilscher

Christoph Heilscher

Redaktionsleiter Kreiszeitung Wesermarsch

Christoph Heilscher ist Redaktionsleiter der Kreiszeitung Wesermarsch. Seine journalistischen Schwerpunkte sind die regionale Wirtschaft, Landwirtschaft und Naturschutz, Kommunalpolitik sowie Geschichten über Land und Leute.

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