Butjadingen

Hoch hinaus für den Artenschutz: Weshalb dieser Mann ständig Kirchtürme besteigt

Die Geheimnisse alter Kirchtürme: Johannes Bartner vom NABU kennt sie hundertfach - und entdeckt immer wieder neue. Auch in Butjadingen. Der Oldenburger ist beruflich als Arzt tätig. Ehrenamtlich treiben ihn Turmfalken um.

Johannes Bartner hat ein Quadrat in das Holz der Glockenluke gesägt, in das exakt der Nistkasten passt. Bevor er ihn einsetzt, genießt er den spektakulären Blick über Burhave.

Johannes Bartner hat ein Quadrat in das Holz der Glockenluke gesägt, in das exakt der Nistkasten passt. Bevor er ihn einsetzt, genießt er den spektakulären Blick über Burhave.

Foto: Glückselig

Thorsten Röben steht zwischen den Gräbern auf dem Burhaver Friedhof und legt den Kopf in den Nacken. Dr. Johannes Bartner zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf ein mit Holz verkleidetes „Fenster“. Das ist die Glockenluke, wie die beiden Männer später erfahren werden. „Da oben soll er hin“, sagt der Mann, der in Oldenburg als Arzt tätig ist und in seiner Freizeit gerne auf Kirchtürmen herumklettert.

NABU Butjadingen assistiert dem Oldenburger

Johannes Bartner ist Mitglied des Naturschutzbunds (NABU). Seit 2008 ist er im Oldenburger Land unterwegs, um Kirchtürme mit Nistkästen für Turmfalken auszustatten. Mehr als hundert Kirchen hat er bereits abgearbeitet. Am vergangenen Wochenende kommen in Butjadingen zwei weitere hinzu. In Burhave assistiert ihm Thorsten Röben vom NABU Butjadingen, in Waddens ist es Fiona Köhlken, die sich ebenfalls bei den Butjenter Naturschützern engagiert. Johannes Bartner hatte im Vorfeld bei der Gruppe angefragt und sofort Hilfe zugesichert bekommen.

Turmfalken haben eine Flügelspannweite von bis zu 82 Zentimetern. Ihre bevorzugte Nahrung sind Mäuse und andere Kleinnager.

Turmfalken haben eine Flügelspannweite von bis zu 82 Zentimetern. Ihre bevorzugte Nahrung sind Mäuse und andere Kleinnager.

Foto: Büscher/NABU Rinteln

Thorsten Röben trägt den sperrigen Nistkasten, Johannes Bartner eine große Werkzeugkiste. Hinzu kommen diverse andere Utensilien, die den Turm der St.-Petri-Kirche hinaufbugsiert werden müssen.

Kirchtürme verfügen in aller Regel nicht über großzügige Treppenhäuser, durch die sie sich bequem besteigen ließen. Die Türme in Waddens und Abbehausen, die im Laufe des Tages noch folgen werden, sind richtig eng. Aber auch in Burhave ist es kein gemütlicher Spaziergang, der in die Kirchturmspitze führt. Dafür entschädigt oben nicht nur der Blick nach draußen - sondern auch der Blick hinter die Kulissen.

Ein Blick in den „Spitzboden“ der St.-Petri-Kirche. Man kann gut die Deckenstruktur erkennen.

Ein Blick in den „Spitzboden“ der St.-Petri-Kirche. Man kann gut die Deckenstruktur erkennen.

Foto: Glückselig

Der Weg hinauf führt auf den ersten Metern über eine schmale Wendeltreppe, dann über steile Holzstiegen. Nichts, was man jeden Tag bräuchte. Aber Johannes Bartner hat schon Ungemütlicheres mitgemacht. Anfang des Jahres war er in einer Klosterkirche in Schwichteler bei Cloppenburg im Einsatz. Dort muss man durch Katakomben kriechen, um in den Turm zu gelangen.

Das ist eine der mächtigen Glocken, die im Turm der St.-Petri-Kirche läuten.

Das ist eine der mächtigen Glocken, die im Turm der St.-Petri-Kirche läuten.

Foto: Glückselig

In Burhave zwängen sich die Naturschützer an den beiden mächtigen Glocken der Petri-Kirche vorbei. Sie sollen einst durch die Luke ins Innere des Gotteshauses bugsiert worden sein, zu der weitere Stiegen nach oben führen und vor der Johannes Bartner und Thorsten Röben nun stehen. Der Plan: Johannes Bartner wird ein Loch in die Luke sägen, das genau die Größe des Nistkastens hat. Unter dem Kasten wird eine Platte sitzen, auf der die Turmfalken landen und von der sie starten können. Klingt einfach. In der Theorie.

„Wir machen ganz langsam“

Dr. Johannes Bartner vom NABU, für den bei der Arbeit im Kirchturm Sicherheit Vorrang hat.

In der Praxis kann hier oben jeder falsche Tritt ins Krankenhaus führen, jeder überhastete Handgriff damit enden, dass Werkzeug mehrere Meter in die Tiefe stürzt. „Wir machen ganz langsam“, sagt Johannes Bartner und klettert vorsichtig auf einen Balken, der genau vor der Glockenluke endet. Unter ihm gähnen mehrere Meter Tiefe.

Interesse an Ornithologie reicht bis in die Jugend zurück

Der heute 62-Jährige, der sich mit 14 Jahren der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft in Oldenburg anschloss und im Keller seines Elternhauses Nistkästen für Meisen baute, zeichnet das Quadrat des Falkenkastens auf das Holz der Luke. Dann bohrt er zwei Löcher, um im nächsten Schritt die Säge ansetzen zu können. Johannes Bartner arbeitet sorgfältig, bedächtig und mit hundertfach geübten Handgriffen. Kurze Zeit später klafft ein Loch in der Glockenluke, durch das Tageslicht ins Halbdunkel des Kirchturms fällt und man einen spektakulären Blick über Burhave werfen kann.

Das Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1887, wie auf dem Rahmen zu lesen.

Das Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1887, wie auf dem Rahmen zu lesen.

Foto: Glückselig

Ein mechanisches, durchdringendes Klacken begleitet die Arbeit der Männer. Zunächst können sie es nicht richtig einordnen, dann wird Johannes Bartner und Thorsten Röben klar: Das ist das ein Stockwerk über ihnen in einem Verschlag untergebrachte Uhrwerk der Kirchturmuhr. Ins Holz des Verschlags sind Zahlen und Initiale eingeritzt. Vermutlich geben sie an, wer hier wann Wartungsarbeiten vorgenommen hat.

Im Inneren werkelt Technik, die jeden Mechanik-Fan mit der Zunge schnalzen lässt. Stahlseile sind auf Walzen gewickelt, Zahnräder greifen elegant ineinander. Auf dem gusseisernen Rahmen des Uhrwerks kann man nachlesen, dass es im Jahr 1887 von J. F. Weule hergestellt wurde. Die Turmuhrenfabrik und Glockengießerei existierte von 1836 bis 1966 und hatte ihren Sitz in Bockenem im Ambergau.

Geschafft, der Kasten ist angebracht. Hinter den Fenstern darüber steckt in einem hölzernen Verschlag das Uhrwerk der Kirchturmuhr.

Geschafft, der Kasten ist angebracht. Hinter den Fenstern darüber steckt in einem hölzernen Verschlag das Uhrwerk der Kirchturmuhr.

Foto: Glückselig

Nach anderthalb Stunden ist die Arbeit oben im Turm erledigt; der Nistkasten ist sturmsicher angebracht. Die beiden Umweltschützer hoffen, dass tatsächlich Turmfalken einziehen. Den Kasten, den Johannes Bartner vor einem Jahr im Stollhammer Kirchturm montiert hat, haben bislang nur die allgegenwärtigen Dohlen genutzt.

Plakette weist auf den „Lebensraum Kirchturm“ hin

Zurück auf der Erde treffen Johannes Bartner und Thorsten Röben auf Bernd Helmerichs, der Mitglied im Kirchenrat ist und häufig in den Turm hochsteigt, um sich um die Uhr zu kümmern. Von ihm erfahren die Naturschützer, dass durch die Luke oben, in der jetzt der Kasten sitzt, tatsächlich die tonnenschweren Glocken passen. Johannes Bartner überreicht Bernd Helmerichs die Urkunde und die Plakette, die die Kirchengemeinde Burhave als Partnerin des Projekts „Lebensraum Kirchturm“ ausweisen.

Auf den Kirchtürmen in Abbehausen und Esenshamm sieht sich Johannes Bartner an diesem Tag nur um; sie sollen in Kürze folgen. In Waddens wartet derweil schon Fiona Köhlken, um den Oldenburg bei der Montage des nächsten Kastens zu unterstützen.

Johannes Bartner überreichte an Bernd Helmerichs vom Gemeindekirchenrat die „Lebensraum Kirchturm“-Plakette und -Urkunde.

Johannes Bartner überreichte an Bernd Helmerichs vom Gemeindekirchenrat die „Lebensraum Kirchturm“-Plakette und -Urkunde.

Foto: Glückselig

Lebensraum Kirchturm

Kirchtürme sind optimale Orte, um darin Brutstätten für Turmfalken, Fledermäuse, Schleiereulen und andere Arten einzurichten. Daher hat der NABU im Jahr 2007 die Aktion „Lebensraum Kirchturm“ ins Leben gerufen, in deren Rahmen Aktive wie Dr. Johannes Bartner Kirchtürme mit Nisthilfen ausstatten.

Kirchengemeinden, die dabei mitmachen, werden mit einer Plakette ausgezeichnet, die sie an ihrem Gotteshaus anbringen können. Solche Plaketten haben am Wochenende auch die Kirchengemeinden Burhave und Waddens erhalten.

Turmfalken haben eine Körperlänge von etwa 31 bis 39 Zentimetern. Ihre Flügelspannweite beträgt zwischen 65 und 82 Zentimeter. Als Nahrung dienen ihnen fast ausschließlich Kleinnager wie Mäuse.

Charakteristisch für Turmfalken ist der Rüttelflug, bei dem die Tiere ihre Beute erspähen. Sie „rütteln“ dabei in schnellen Bewegungen mit den Flügeln und können dadurch in der Luft auf der Stelle stehen.

Detlef Glückselig

Stellvertretender Redaktionsleiter

Er ist mit Leib und Seele Lokaljournalist. Seit 1984 berichtet er aus der Wesermarsch. Es sind die Menschen und ihre Geschichten, die ihn interessieren. Der 56-Jährige ist aktuell für die Gemeinde Butjadingen zuständig und der stellvertretende Redaktionsleiter der Kreiszeitung.

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