Bremerhaven

Sozialamt kündigt Flüchtlingen: Weihnachten ohne Bleibe?

Das Sozialamt hat Flüchtlingsfamilien an der Hansastraße die Wohnung gekündigt - zwei Tage vor Weihnachten sollte geräumt werden. Ein Verein, der sich um Flüchtlinge kümmert, ist entsetzt. Die Stadt weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Geflüchtete bangen in der Hansastraße um ihre Wohnungen.

Geflüchtete bangen in der Hansastraße um ihre Wohnungen.

Foto: Lothar Scheschonka

Vor Weihnachten ist die Situation an der Hansastraße 7 bis 9 in Lehe eskaliert: Drei Mitarbeiter des Sozialamtes hatten am Mittwoch mehrere Flüchtlingsfamilien zum Auszug innerhalb von 24 Stunden aufgefordert. Wenige Tage vor Weihnachten. Am Donnerstag kamen die Mitarbeiter erneut - obwohl mindestens drei der zwölf betroffenen Parteien in dem Mehrfamilienhaus noch keine neue Bleibe gefunden hatten. Der „Verein für gleiche Rechte“, der sich um Geflüchtete kümmert, ist entsetzt. Der Magistrat betont, dass bereits im Herbst den Familien der Auszug angekündigt worden sei und man bei der Suche nach neuen Wohnungen die Betroffenen nach Kräften unterstützt habe. BBU-Mitarbeiter wollten sogar beim Umzug helfen. Einige Bewohner hätten aber nicht mitgemacht.

„Das ist der größte Schock meines Lebens gewesen“

Wenn man mit den betroffenen Menschen vor Ort an der Hansastraße spricht, spürt man Sorgen, Trauer, Unverständnis. Die Familien, die unter anderem aus Syrien und aus Kurdistan kommen, wussten, dass sie perspektivisch ausziehen sollten. Die Räumung zwei Tage vor Weihnachten erwischte sie aber kalt. Außerdem möchte dort offenbar keiner weg, einige leben schon seit Jahren dort.

Sie finden es nicht in Ordnung, wie mit ihnen in den vergangenen Tagen umgegangen wurde (von links) Arilda, Edlira Gjata und Semra Riza.

Sie finden es nicht in Ordnung, wie mit ihnen in den vergangenen Tagen umgegangen wurde (von links) Arilda, Edlira Gjata und Semra Riza.

Foto: Lothar Scheschonka

Die 14-jährige Semra Riza steht vor dem Haus an der Hansastraße, den Tränen nahe. Sie zeigt mit dem Finger auf ein Fenster. Dort wohne sie mit ihrer Familie, das sei ihr Zuhause. „Das ist der größte Schock in meinem Leben gewesen“, sagt sie. Der Donnerstag sei fürchterlich gewesen. Mitarbeiter des Sozialamtes seien aufgetaucht und hätten zum sofortigen Auszug aufgefordert. „Ich kam gerade von der Schule“, berichtet sie.

Offenbar trugen die Mitarbeiter ihr auf, da sie Deutsch spricht, die anderen Familien im Haus zu informieren - was sie auch tat. Sie musste dann mitansehen, wie andere Kinder in Tränen ausbrachen. „Das war zu viel für mich“, sagt sie am Freitag. Sie selbst sei mit acht Jahren nach Deutschland gekommen - und hätte so etwas noch nicht erlebt.

Mitte Oktober hatten sich erstmals betroffene Familien an den Verein für gleiche Rechte gewandt, der sich für die Belange von Zugewanderten einsetzt, da sie eine mündliche Aufforderung von der Sozialbetreuung des Sozialamtes erhalten hatten, aus den Wohnungen auszuziehen.

Cafer Isin von „Dialog - Verein für gleiche Rechte“ setzt sich für die Belange der Betroffenen ein.

Cafer Isin von „Dialog - Verein für gleiche Rechte“ setzt sich für die Belange der Betroffenen ein.

Foto: Lothar Scheschonka

Cafer Isin vom Verein steht am Freitag bei den Betroffenen. Er gibt an, dass er seinerzeit die Zusage des Sozialamtes erhalten habe, dass die Familien, die keine Wohnung fänden, nicht auf der Straße landen würden. Ute Möhle vom Arbeitskreis Migration und Flüchtlinge beschreibt, dass das Sozialamt die Bewohner nicht gut über den doch recht kurzfristigen Auszug informiert habe. So hätte es beispielsweise ein unseriös anmutendes Schreiben ohne Absender gegeben, in dem mitgeteilt wurde, die Familien könnten sich an die GWF oder an die GeWo wenden. „Kein Mieter weiß, wer die GWF oder die GeWo ist“, sagt Möhle. Die meisten Familien hätten sich um eine neue Wohnung bemüht, aber für diese Flüchtlingsfamilien, oft mit gebrochenen Deutschkenntnissen, sei das innerhalb eines Monats kaum möglich. Die Anwohnerin Edlira Gjata holt ihr Handy hervor, um zu zeigen, wie viele Wohnungsanfragen sie rausgeschickt hat.

Stadtrat spricht mit den Betroffenen vor Ort

Stadtrat Uwe Parpart (SPD) eilte noch am Freitag zu den Familien, um sich selbst zu informieren.

Stadtrat Uwe Parpart (SPD) eilte noch am Freitag zu den Familien, um sich selbst zu informieren.

Foto: Patrice Kunte

Stadtrat Uwe Parpart (SPD) entschloss sich aufgrund der Vorkommnisse, kurzerhand noch am Freitag zu den Betroffenen zu fahren und mit ihnen zu sprechen - was die Familien auch gut fanden. Parpart ging mit den Geflüchteten ins Gespräch, erfuhr, dass zwei Familien und eine Frau noch keine neue Wohnung gefunden hätten. Viele andere aber auch am liebsten dort weiter wohnen würden.

Es wurde zunächst eine Übergangslösung gefunden. Die Familien dürfen bis zum 31. Dezember in den Wohnungen bleiben. „Keine Familie sollte zum 22. Dezember vor die Tür gesetzt werden und in keinem Fall droht Obdachlosigkeit. Vor Weihnachten wird keine Flüchtlingsfamilie vor die Tür gesetzt“, erklärt Stadtrat Parpart. Die Familien, die schon einen Mietvertrag haben, aber nicht sofort umziehen können, sollen ins Nachbarhaus ziehen bis zu ihrem endgültigen Umzug, die anderen notfalls in die Flüchtlingsunterkunft in der Nevadastraße. Es soll aber auch noch einmal weitere Gespräche geben.

Die Wohnungen in der Hansastraße gehören der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft Bremerhaven (GWF). Sie hat die Wohnungen an Seestadt Immobilien vermietet, die sie dem Sozialamt für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt hat. Seestadt Immobilien und GWF hatten sich darauf geeinigt, die Verträge in der Hansastraße nicht zu verlängern. Die Immobilien sollen demnach abgängig sein. Zum 31. Dezember ist Schluss für die Häuser 7-9, die Hausnummern 3-5 sind für Ende Mai gekündigt.

Jens Gehrke

Reporter

Jens Gehrke wurde in Bremerhaven geboren und ist seit 2011 im Verlag. Der Reporter, Jahrgang 1984,  fühlt sich im Cuxland genauso zu Hause wie in der Seestadt. Der Schwerpunkt liegt auf der Politik-Berichterstattung. Privat interessiert ihn vor allem der Sport.

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