Bremerhaven

Molen-Drama: „Nachher ist man immer schlauer“

Wieso wurde der Molenturm nicht schon vor Jahren abgebaut, obwohl klar war, dass er baufällig ist? Obwohl man nicht prüfen konnte, wie es unter ihm aussieht? Gleich mehrere Bürgerschaftsabgeordnete hakten an diesem Punkt im Hafenausschuss nach.

Hätte der Molenturm früher gerettet werden müssen? Diese Frage stellten mehrere Bürgerschaftsabgeordnete. Bremenports-Chef Robert Howe versicherte, dass es keine Hinweise auf die Havarie gegeben habe.

Hätte der Molenturm früher gerettet werden müssen? Diese Frage stellten mehrere Bürgerschaftsabgeordnete. Bremenports-Chef Robert Howe versicherte, dass es keine Hinweise auf die Havarie gegeben habe.

Foto: dpa

In dem Ausschuss der Bürgerschaft stellten sich am Mittwoch Hafensenatorin Claudia Schilling (SPD) und Bremenports-Chef Robert Howe kritischen Fragen zum Schicksal des Molenturms. Hauke Hilz (FDP) zeigte sich sehr verärgert, weil durch die Havarie jetzt der Politik und der Verwaltung insgesamt Versagen in den Medien und sozialen Netzwerken vorgeworfen werde. Dazu komme ein desolates Bild, das in der ganzen Welt durch die Havarie von Bremerhaven gezeichnet wurde. Er sprach vom „Imageschaden“ und einem finanziellen Schaden, weil die spontane Rettungsaktion mit Sicherheit teurer sei als eine geplante Demontage.

„Wieso wurde der Turm nicht früher abgebaut, um Druck von der Mole zu nehmen“, fragte Hilz. Die Frage drängte sich dem Liberalen auch auf, weil Bremenports wegen einer Spundwand um den Molenkopf nicht wusste, in welchem Zustand die Tragbohlen unter dem Turm waren. Jörg Zager (SPD) und Thorsten Raschen (CDU) schlugen in die gleiche Kerbe. „Es ist ja schön, dass Sie nach der Havarie schnell gehandelt haben. Aber es wäre besser gewesen, vorher zu handeln“, meinte Raschen.

„Nachher ist man immer schlauer“, sagte Howe. Der Turm sei ständig überprüft worden, da könne man nicht mehr tun. Die ungewisse Lage unter dem Turm blendete Bremenports allerdings aus, indem man den Zustand des restlichen Bauwerks auf den Turmbereich übertrug. Bei den Überprüfungen sei das entscheidende Kriterium, ob es im Bauwerk erste Bewegungen gibt. Das ist laut Howe das wichtigste Alarmzeichen. „Und da hatten wir keine Erkenntnisse. Sollen wir dann dennoch den Turm zurückbauen?“, gab der Bremenports-Chef eine Frage zurück an die Abgeordneten.

Es werde jetzt geprüft werden müssen, ob auch ohne klare Erkenntnisse und alarmierende Hinweise auf Bewegungen 90 Jahre alte Bauwerke grundsätzlich zurückgebaut werden sollen. Das dürfte angesichts der Fülle alter Kajen im Hafen teuer werden. Howe selbst verwies auf die Columbuskaje, der seit 20 Jahren mit der Note 4 ein ähnlich schlechter Zustand wie der Nordmole bescheinigt wird. „TÜV ist abgelaufen“, übersetzte er die Note. „Sie hat bislang aber gehalten. Hätten wir sie vor 20 Jahren sperren sollen?“

Immerhin ist der Senatorin klar, dass die Nordmole samt Turm nicht irgendein Bauwerk im Hafen ist. „Wir wissen alle um die emotionale Bedeutung für die Bremerhavener“, leitete Claudia Schilling (SPD) ihren Beitrag ein, der ebenso wie der von Howe nicht mit irgendwelchen Schuldeingeständnissen endete. Ein „Desaster mit Ansage“, wie es Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) formuliert hatte, sieht sie nicht. Man könne darüber streiten, ob die bereits 2018 angekündigten sechsjährige Planungs- und Bauzeit zu lang sei. Aber es gehe um komplexe Prozesse, die rechtssicher abgearbeitet werden müssten. Schilling räumte nur generell ein, dass in Deutschland die Verfahren grundsätzlich beschleunigt werden müssten.

Sind die Prioritäten bei der Nordmole falsch gesetzt worden? „Ich habe keine Erkenntnisse über Fehler“, sagte Schilling. Die Annahme, die Mole halte noch länger durch, war falsch. „Ist das ein Fehler oder eine falsche Prognose?“, fragte sie.

Die Kritik aus Bremerhaven nahm Robert Bücking von den Grünen zum Anlass, sich vor die Behörden zu stellen. „Der Tonfall von Bremerhavener Repräsentanten ist maßlos und unangemessen“, sagte er. Er schädige den Standort wie die Havarie selbst. Es scheine eine günstige Gelegenheit genutzt zu werden, um die Hafenbehörden durch den Dreck zu ziehen.

Klaus Mündelein

Reporter

Klaus Mündelein kümmert sich im Bremer Büro um die Landespolitik. Er hat in Münster studiert und volontiert und kam vor fast 30 Jahren zur Nordsee-Zeitung.

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