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Start zum Weltenbummel im rollstuhlgerechten Laster

Die erste Umrüstung bestand aus einer Handsteuerung – selbst konstruiert und vom Tüv abgenommen. Denn, wenn man einen zum Fernreise-Wohnmobil umgerüsteten Feuerwehr-Laster trotz Querschnittslähmung fahren will, dann geht das nicht ohne Spezialtechnik. Und Jakob Raithel will mit seiner Frau Angela Färber auf Globetrotter-Tour. Reiseziel: voraussichtlich die Mongolei. Reisezeit: unbestimmt. Seine Wohnung in Bremerhaven hat das Paar aufgelöst. Färber hat auch ihre Keramikwerkstatt in der Alten Bürger aufgegeben. In der kommenden Woche soll es losgehen.

Foto: Heske

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In der Seestadt hat das Paar seine Zelte abgebrochen. Mietverträge sind gekündigt, etliches verschenkt, vieles eingelagert. Ihre Keramikwerkstatt mit Geschäft, die die 42-jährige Färber, gelernte Töpferin und Keramikingenieurin, seit 2012 in der Alten Bürger betrieben hat, ist Geschichte. Jakob Raithel (44) stammt aus dem Bonner Raum. Der studierte Maschinenbauer war in der Windenergie-Branche tätig und wechselte 2011 von Berlin in die Seestadt. Bereits 2020 verließ er mit einer Abfindung in der Tasche ein Offshore-Unternehmen im Fischereihafen, als dort Personal abgebaut wurde.

Wunschroute: Seidenstraße

Eine feste Route haben die beiden künftigen Globetrotter nicht geplant. „Wir wollen erst mal ablegen und sehen, wohin der Wind uns treibt“, sagt Färber. „Wir wollen uns Zeit nehmen, genießen und Erfahrungen machen.“ Eine Wunschroute gibt es mit der Seidenstraße: Balkan, Türkei, Kaukasus („Bis dahin geht es mit dem Schengen-Pass ohne Visa.“) und weiter über den Iran bis in die Mongolei, eventuell Indien. „Das hängt natürlich auch von der weltpolitischen Entwicklung ab.“ Und Corona? „Wir sind geimpft, aber wenn wir an einer Grenze zwei Wochen lang in Quarantäne stehen müssten, wäre das auch kein Problem“, sagt Färber.

Das Projekt der Weltreise im eigenen Wohnlaster verfolgt das Paar schon lange. „Es hieß erst Agenda 2010“, erzählen die beiden. Doch immer sei Berufliches oder Familiäres dazwischen gekommen. „Wir wollten unseren Lebenstraum aber auch nicht auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben“, sagt Raithel. „Jetzt ist Geld da. Jetzt ist Zeit da.“ Jetzt. Nicht irgendwann.

Die Querschnittslähmung von Raithel, Ergebnis einer Kollision des damals 15-Jährigen auf dem Fahrrad mit einem Auto – „selbstverschuldet“, betont Raithel – sollte dem Traum nicht im Wege stehen. Da er seine Beine nicht einsetzen kann, bastelte Raithel teilweise gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Vater technische Lösungen.

Begeistert vom alten Blech

Der rollstuhlgerechte Einstieg erfolgt mithilfe eines elektrischen Lifts in die Fahrerkabine.

Der rollstuhlgerechte Einstieg erfolgt mithilfe eines elektrischen Lifts in die Fahrerkabine.

Foto: Heske

Das Auto, ein 1965 gebauter Mercedes-Benz L 1113, kaufte der Maschinenbauer bereits 2005. „Ein sogenannter Kurzhauber, ein Lkw-Klassiker“, schwärmt er. „Ich hätte nicht so viel Arbeit reingesteckt, wenn das nicht das alte 60er-Jahre Blech wäre“, sagt Raithel. „Der ist einfach hübsch, und das alte Blech ist auch ein Türöffner, Leute bleiben stehen, interessieren sich.“ Den 7,5-Tonner fährt Raithel mithilfe einer selbstkonstruierten Handsteuerung.

„Eigentlich wollte ich nie ein eckiges Auto“, erzählt Raithel. Doch dann fielen ihm ausgeschäumte Stahlplatten günstig in die Hände, die wegen ihrer Dämmwirkung eigentlich für Kühlfahrzeuge gedacht sind. Sie eignen sich jedoch auch für den kastenartigen Aufbau, der genug Platz bietet für ein Bett, eine Kochnische, eine Duschwanne mit integrierter Toilette sowie rollstuhlgerechte Rangierflächen. Der Einstieg erfolgt über einen elektrischen Lift im hinteren Bereich der Fahrerkabine. „Ebenfalls selbst konstruiert und selbst gebaut“, sagt Raithel. Unterstützung erhielt er über einen Freundeskreis. „Es gibt eine eigene Lkw-Allrad-Szene.“

Ein neues Getriebe und ein neues Verteilergetriebe stecken in dem früheren Feuerwehrauto. Letzte große Austauschmaßnahme: ein neuer Turbo-Diesel. Der betagte Originalmotor lief zwar zuverlässig. „Es ist aber das falsche Signal, Menschen zu begegnen und dann zum Abschied eine Rauchwolke und einen Ölfleck zu hinterlassen“, findet Raithel. Das Ergebnis jahrelanger Arbeit: „Unser Tiny-House-SUV“, sagt Färber.

Abgenommen vom Tüv: Die Handsteuerung des Reiselasters hat Jakob Raithel selbst gebaut.

Abgenommen vom Tüv: Die Handsteuerung des Reiselasters hat Jakob Raithel selbst gebaut.

Foto: Heske

Erste Offroaderfahrungen

Erste Praxistests hat das Paar in den vergangenen Jahren mit dem Reiselaster in der tunesischen Wüste und Island absolviert. Offroaderfahrungen haben die beiden dabei auch bereits gesammelt. „Bei weichem Untergrund lässt man die Luft aus den Reifen“, berichtet Raithel. Der plattere Reifen sackt nicht ein, sondern rollt mit größerer Fläche und geringerem Bodendruck sogar über Sand. „Das Prinzip funktioniert auch mit dem Rollstuhl am Strand“, sagt Raithel und lacht. „Wir rechnen aber vor allem mit Asphalt und Schotterstraßen.“

Jetzt gilt es erst einmal, wirklich loszukommen. „Erst wenn wir über die Alpen sind, werde ich entspannter“, sagt Raithel. Und wenn das Geld alle ist? Dann möchten beide die Tour beenden und wieder in ihren Berufen arbeiten. Ob sie dann zurückkommen werden nach Bremerhaven? Sie wissen es noch nicht.

Christian Heske

Redaktionsleiter SONNTAGSjOURNAL

Christian Heske, geboren 1967 in Bremerhaven, leitet seit 2013 die SONNTAGSjOURNAL-Redaktion. Seine ersten Artikel verfasste er 1989 für die Bremerhaven-Redaktion der NORDSEE-ZEITUNG. Nach einem Studium der Germanistik und Psychologie in Würzburg volontierte er in den Jahren 1996 bis 1998 bei der NZ. 1999 bis 2000 arbeitete er als Redakteur bei der Anzeigenzeitung Bremerhavener Kurier und wechselte anschließend bis Ende 2012 auf die andere Weserseite zur KREISZEITUNG WESERMARSCH in Nordenham.

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