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Russland bombardiert die Ukraine - Scharfe Reaktion im Westen

US-Präsident Biden warnte seit Tagen vor einer russischen Invasion in die Ukraine. Nun schickt Präsident Putin Kampfflugzeuge, Panzer und Soldaten. Die USA und ihre Verbündeten sind entsetzt.

Beschädigte Radaranlagen und andere Ausrüstung sind in einer ukrainischen Militäreinrichtung außerhalb der Stadt Mariupol zu sehen. Russische Truppen haben ihren erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet.

Beschädigte Radaranlagen und andere Ausrüstung sind in einer ukrainischen Militäreinrichtung außerhalb der Stadt Mariupol zu sehen. Russische Truppen haben ihren erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet.

Foto: Sergei Grits/AP/dpa

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1. Kapitel

Die aktuelle Lage

Russland hat einen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Präsident Wladimir Putin ordnete am frühen Donnerstagmorgen eine Militäroperation in den Regionen Luhansk und Donezk an. Angriffe mit Kampfflugzeugen, Hubschrauber und Raketen wurden auch aus anderen Teilen der Ukraine gegen militärische Infrastruktur gemeldet. In der unklaren Lage ließen sich die Berichte nicht sofort nachprüfen. Erstmals stehen sich damit russische und ukrainische Soldaten in dem seit acht Jahren dauernden Konflikt gegenüber.

US-Präsident Joe Biden, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), die westlichen Verbündeten sowie die Europäische Union und die Nato verurteilten Putins Vorgehen scharf und kündigten umgehend weitere Sanktionen an. Russland hat nach den Worten von Biden „vorsätzlich“ einen „Krieg“ gegen die Ukraine begonnen.

Putin will „Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ der Ukraine

In einer Fernsehansprache sagte Putin: „Ich habe beschlossen, eine Sonder-Militäroperation durchzuführen. Ihr Ziel ist der Schutz der Menschen, die seit acht Jahren Misshandlung und Genozid ausgesetzt sind.“ Russland strebe die Entmilitarisierung und die Entnazifizierung der Ukraine an.

Ein Angehöriger des ukrainischen Militärs nimmt in Sievierodonetsk in der Region Luhansk in der Ostukraine Gegenstände aus dem Kofferraum eines Autos.

Ein Angehöriger des ukrainischen Militärs nimmt in Sievierodonetsk in der Region Luhansk in der Ostukraine Gegenstände aus dem Kofferraum eines Autos.

Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte „sofortige Sanktionen“ gegen Moskau. Selenskyj telefonierte unter anderem mit Biden und Scholz. Selenskyj rief den Kriegszustand aus.

Vertreter der 30 Nato-Staaten kamen zu einer Krisensitzung zusammen. Aus Bündniskreisen hieß es, dass bei der Sitzung beschlossen werden könnte, dem Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte weitreichende Befugnisse zu übertragen.

Militärische Nato-Unterstützung für die Ukraine gilt weiter als ausgeschlossen, weil dadurch ein noch größerer Krieg zwischen der Nato und Russland ausgelöst werden könnte.

EU will neues Sanktionspaket beschließen

Die EU wird nach Angaben von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratschef Charles Michel umgehend ein neues Sanktionspaket beschließen. Dieses werde „massive und schwerwiegende Folgen“ für Russland haben. Für den Abend ist ein EU-Krisengipfel in Brüssel geplant. Die USA, die EU und weitere Verbündete haben bereits Sanktionen verhängt.

Putin hatte am Montag die Unabhängigkeit der Separatistenregionen Donezk und Luhansk in der Ostukraine anerkannt und eine Entsendung russischer Soldaten angeordnet. Der Kremlchef plant zum zweiten Mal nach 2014 einen Einmarsch in die Ukraine.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Morgen eine Militäraktion gegen die Ukraine angeordnet.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Morgen eine Militäraktion gegen die Ukraine angeordnet.

Foto: picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP

Der Westen wirft Putin vor, gegen Völkerrecht zu verstoßen. Russland hat nach westlichen Angaben etwa 150.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs gab es russischen Beschuss im Osten des Landes. Russisches Militär habe Gebiete und Siedlungen entlang der Staatsgrenze sowie mehrere Flugplätze angegriffen, teilte der Generalstab in Kiew mit. Landungsoperationen des russischen Militärs in der südostukrainischen Stadt Odessa habe es nicht gegeben. „Die Situation ist unter Kontrolle.“

Russisches Hubschrauber abgeschossen

Das Militär schoss nach eigenen Angaben im Gebiet Luhansk fünf russische Flugzeuge und einen Hubschrauber ab. Insgesamt wurden nach Angaben des Generalstabs mindestens sechs Flugplätze angegriffen, darunter Boryspil, etwa 40 Kilometer von Kiew entfernt, Tschuhujiw im Gebiet Charkiw und Kramatorsk im Gebiet Donezk. Die Armee wehre Luftangriffe ab und sei in voller Kampfbereitschaft, hieß es.

Ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur in Kiew berichtete, dass auch in Kiew Donnerschläge zu hören waren. Es war unklar, woher diese kamen. „Jetzt hören wir einige Explosionen“, schrieb auch eine Anwohnerin aus Kiew in einem privaten Chat, der dpa vorlag.

Die von Russland unterstützten Separatisten meldeten nach dem Einmarsch die Einnahme von zwei Kleinstädten. Es handele sich dabei um Stanyzja Luhanska und um Schtschastja, teilten die Separatisten mit. Demnach sind Truppen über den Fluss Siwerskyj Donez vorgedrungen, der bisher die Frontlinie bildete.

Solidarität mit der Ukraine

US-Präsident Biden verurteilte den „unprovozierten und ungerechtfertigten“ russischen Angriff auf die Ukraine in dem Gespräch mit Selenskyj. Er habe ihn über weitere harte Sanktionen der USA gegen Russland informiert.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild vom Mittwoch, 23. Februar 2022, zeigt einen Teil eines Militärkonvois, der sich in und um Golovchino, Russland, nach Süden bewegt.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild vom Mittwoch, 23. Februar 2022, zeigt einen Teil eines Militärkonvois, der sich in und um Golovchino, Russland, nach Süden bewegt.

Foto: Uncredited/Maxar Technologies/dpa

„Die Gebete der ganzen Welt sind heute Nacht beim ukrainischen Volk, während es unter einem unprovozierten und ungerechtfertigten Angriff durch die russischen Streitkräfte leidet“, erklärte Biden. „Präsident Putin hat sich vorsätzlich für eine Krieg entschieden, der katastrophale Todesfälle und menschliches Leid bringen wird. Die Welt wird Russland zur Rechenschaft ziehen.“

Biden wollte noch am Donnerstag seinen Amtskollegen aus der Gruppe der sieben wichtigsten Wirtschaftsnationen besprechen. „Wir werden der Ukraine und dem ukrainischen Volk weiter Hilfe und Unterstützung zukommen lassen“, erklärte Biden.

Bundeskanzler Scholz sicherte Selenskyj „die volle Solidarität Deutschlands in dieser schweren Stunde“ zu. Scholz nannte den russischen Angriff einen eklatanten Bruch des Völkerrechts. Auch Außenministerin Annalena Baerbock verurteilte den Militäreinsatz scharf.

Es wird über Präsenzstärkung gesprochen

Der britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich bestürzt: „Ich bin entsetzt über die schrecklichen Ereignisse in der Ukraine.“ Der belgische Ministerpräsident Alexander De Croo sprach von „Europas dunkelster Stunde seit dem Zweiten Weltkrieg“.

US-Außenminister Antony Blinken, Verteidigungsminister Lloyd Austin und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprachen über eine Stärkung der Präsenz des Bündnisses in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten.

Blinken betonte, dass die Verpflichtung der USA, das Bündnisgebiet im Angriffsfall zu verteidigen, „eisern“ sei.

Die US-Regierung hat seit Beginn des Konflikts um die Ukraine bereits rund 6000 Soldaten in osteuropäische Nato-Mitgliedsländer verlegt oder deren Verlegung angekündigt. Die meisten von ihnen wurden nach Polen verlegt, das im Osten an die Ukraine grenzt.

2. Kapitel

Kriege und Konflikte seit 1945

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben bewaffnete Konflikte in Europa und den früheren Sowjetrepubliken Hunderttausende Menschenleben gekostet. Diese sechs waren besonders folgenschwer.

Kriege und Konflikte seit 1945 in Europa und den Ex-Sowjetrepubliken

UKRAINE: Auf den Sturz einer gewählten prorussischen Regierung in Kiew 2014 reagiert Russland mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Zudem unterstützt es prorussische Separatisten im Osten des Landes, gegen die Kiew seit 2014 militärisch vorgeht. Nach UN-Schätzungen kamen dabei bisher mehr als 14 000 Menschen ums Leben. Mit Abkommen von 2014 und 2015, unterzeichnet in der belarussischen Hauptstadt Minsk, versuchte ein Quartett aus Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine in den vergangenen Jahren, den Konflikt zu beenden. Die russischen Vorstöße der vergangenen Tage lassen dafür quasi keinen Spielraum mehr.

GEORGIEN: Im August 2008 löst der fünftägige Krieg zwischen Russland und Georgien die bis dahin schwerste Krise zwischen Ost und West seit Ende des Kalten Krieges aus. Georgien verliert dabei endgültig die Provinzen Südossetien und Abchasien. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatten sich Anfang der 1990er Jahre beide von Georgien losgesagt, danach kam es mehrfach zu bewaffneten Konflikten. Die abtrünnigen Regionen sind weiter von Russland abhängig, das ihre staatliche Souveränität anerkannt hat. EU und USA sehen die Gebiete aber weiter als Teil Georgiens an.

BERG-KARABACH: Zu Beginn der 1990er Jahre spaltet sich die vorwiegend von christlichen Armeniern besiedelte Region vom muslimisch geprägten Aserbaidschan ab. Zwischen den Ex-Sowjetrepubliken kommt es zum Krieg mit rund 30 000 Toten, in dem Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet im Südkaukasus verliert. 2020 werden bei neuerlichen Kämpfen weitere 6500 Menschen getötet, Aserbaidschan holt sich große Teile des verlorenen Territoriums zurück. Im November 2020 vermittelt Russland ein Waffenstillstandsabkommen.

TSCHETSCHENIEN: Die islamisch geprägte Teilrepublik im russischen Nordkaukasus gilt seit Jahrzehnten als Konfliktregion. Nach dem Ende der Sowjetunion verhindert Moskau ab 1994 eine Abspaltung des Gebiets in zwei Kriegen mit Zehntausenden Toten. Terroristen tragen den Kampf immer wieder nach außen - so bei der Geiselnahme in einer Schule in der nordossetischen Stadt Beslan 2004 mit Hunderten Toten. Radikale Islamisten streben weiterhin ein von Moskau unabhängiges Emirat an.

BALKAN: Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien kostet eine Serie von Kriegen auf dem Balkan in den 1990er Jahren mehr als 200 000 Menschen das Leben. Unter Präsident Slobodan Milosevic versucht Serbien, sich mehrheitlich serbisch besiedelte Gebiete in anderen Teilrepubliken einzuverleiben. Vor allem in Bosnien und Kroatien kommt es zu ethnisch motivierten Vertreibungen. Um Massaker in der vor allem von Albanern bewohnten serbischen Provinz Kosovo zu beenden, beschließt die Nato 1999 Luftangriffe, an denen sich auch Deutschland beteiligt - der erste Kampfeinsatz deutscher Soldaten nach 1945. 2008 erklärt sich das Kosovo für unabhängig.

ZYPERN: Der Konflikt zwischen der griechisch-zyprischen Mehrheit und der türkisch-zyprischen Minderheit prägt die jüngere Geschichte der Insel. 1974 putschen griechische Nationalisten gegen den damaligen Präsidenten, Erzbischof Makarios III., Zypern erlebt die blutigste Phase seiner Geschichte. Um einen Anschluss an Griechenland zu verhindern, landen türkische Truppen und besetzen den Nordteil Zyperns. Es folgen Vertreibungen auf beiden Seiten und die Teilung. Die 1983 proklamierte Türkische Republik Nordzypern wird bis heute nur von Ankara anerkannt. 2004 wurde die gesamte Insel EU-Mitglied, im Norden gilt EU-Recht aber vorerst nicht.

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