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Plötzlich pflegebedürftig - Marita Fischer hilft Betroffenen

Oft trifft die Pflegebedürftigkeit eines Menschen dessen Angehörige wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Marita Fischer vom Pflegestützpunkt der Stadt Bremerhaven hilft bei der Suche nach neuen Wegen, lotst die Betroffenen durch den Dschungel aus Anträgen. Und sie weiß, welche Fallstricke manchmal dazu führen, dass Betroffene nicht die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht. Und das ist, laut einer aktuellen Studie des Sozialverbandes VdK, häufig der Fall.

Marita Fischer blickt in die Kamera.

Marita Fischer hilft Menschen, die plötzlich mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert sind.

Foto: Lammers


Die Berechnungen von Wissenschaftlern der Universität Osnabrück zur häuslichen Pflege und Betreuung zeigen, dass bundesweit Pflegeleistungen im Wert von mindestens zwölf Milliarden Euro pro Jahr verfallen und nicht von Pflegebedürftigen in Anspruch genommen werden. Obwohl sie ihnen zustehen. Der mutmaßliche Grund: Antragstellungen sind kompliziert, so der VdK.

Und so verwundert es wenig, dass etwa jeder Dritte, derer, die bei Marita Fischer Rat suchen, regelrecht verzweifelt ist. Denn der Eintritt einer Pflegebedürftigkeit an sich stellt Angehörige vor eine Vielzahl von Herausforderungen. „Sehr häufig ist nämlich nichts geregelt“, so die Erfahrung der Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin und Gerontologin. Typisches Beispiel: „Ein Elternteil stürzt, liegt im Krankenhaus, die Folgen des Sturzes machen das Leben in der häuslichen Umgebung ohne pflegerische Unterstützung unmöglich.“ Unzählige Entscheidungen müssen getroffen werden. Von der Frage der geeigneten Wohnsituation, über die Beantragung von Pflegegraden, Beauftragung von Pflegediensten – nennt Marita Fischer nur einige Auswirkungen.

Und: „Sehr häufig hat niemand eine Vollmacht, um erforderliche Rechtsgeschäfte für den Betroffenen zu tätigen.“ Sie rät daher dazu, schon früh zu bestimmen, wer eine Vorsorge-Vollmacht erhalten soll. „Theoretisch sollte das jeder über 18 festlegen. Denn Pflegebedürftigkeit kann jeden treffen.“ Und sie empfiehlt dringend, frühzeitig an im Pflegefall geeignete Wohnsituationen zu denken. „Gibt es beispielsweise ein Zimmer, das zum Pflegezimmer umgestaltet werden kann, sodass keine Treppen passiert werden müssen? Gibt es die Möglichkeit, bei Kindern einzuziehen?“

Entlastungsleistungen

Die Auseinandersetzung mit dem Thema beinhalte auch die Frage, ob man nicht einen Anspruch auf die sogenannten Entlastungsleistungen besitzt. „Der ist bereits bei einem Pflegegrad 1 gegeben, umfasst 125 Euro im Monat und soll dazu beitragen, dass Angehörige bei der Unterstützung entlastet werden“, so Marita Fischer. Damit können Unterstützungsleistungen wie Bettenbeziehen, Einkäufe oder Fahrdienste finanziert werden. „Dieser Betrag wird nicht ausgezahlt, sondern mit nach Landesrecht anerkannten Dienstleistern abgerechnet. Also beispielsweise mit Pflegediensten, aber auch mit allen Diensten, die das Anerkennungsverfahren durchlaufen haben.“

Nur: Dafür muss zunächst eine Pflegegrad-Beantragung bei den Kassen stattfinden. Und vor dem damit verbundenen Aufwand schrecken viele eventuell Berechtigte bereits zurück. „Wenn die Entlastungsleistungen mehr Aufwand als Nutzen bereiten, werden die Mittel nicht beantragt.“ Eine Tatsache, die auch der VdK in seiner Studie attestiert.

All das sei aber kein Hexenwerk, sagt Marita Fischer und rät für den Fall, dass bestimmte pflegerische Unterstützung beim Anziehen, Waschen oder Essen notwendig sind, auf jeden Fall eine Antragstellung auf den Weg zu bringen. Der Pflegestützpunkt stehe Betroffenen und Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite: „Auch, wenn es bei der Ablehnung um einen Widerspruch geht. Außerdem kann man jederzeit einen neuen Antrag stellen“, macht sie Mut.

Die Probleme benennen

Ihr Tipp: „Ein Pflege-Tagebuch führen. Die Vordrucke gibt es bei uns. Dabei können die für eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MDK) relevanten Kriterien einer Pflegebedürftigkeit geprüft werden.“ Dem MDK gegenüber sei es wichtig, Probleme auch tatsächlich zu benennen.

Andrea Lammers

Reporterin

Andrea Lammers (Jahrgang 1968) ist in Bremerhaven geboren und aufgewachsen. In Bremen hat sie Rechtswissenschaften studiert. Das Jonglieren mit Buchstaben erschien ihr jedoch erheblich spannender als das mit Paragrafen. Deswegen volontierte sie bei der NORDSEE-ZEITUNG. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin beim SONNTAGSjOURNAL.

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