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„Jede Gewitterwolke hat das Potenzial, einen Tornado hervorzubringen“

Sturmtief „Sabine“ am vergangenen Wochenende „war schon spektakulär“, meint Peter von Söhnen. So trocken er es auch sagt, seine Begeisterung für „Sabine“ kann er nicht ganz verbergen. Weniger wegen der mancherorts erreichten Windstärke 12. „Sondern weil ‚Sabine‘ bei Cuxhaven fünf aufeinanderfolgende Sturmfluten produziert hat. Das gab es in Deutschland lange nicht mehr. Ich liebe Extremwetter, besonders wenn es tagsüber und am Wochenende stattfindet.“

Eine Böenfront zieht herauf. Anhand ihrer Strukturen können Skywarner früh ablesen, ob eine Gefahr am Boden droht.

Eine Böenfront zieht herauf. Anhand ihrer Strukturen können Skywarner früh ablesen, ob eine Gefahr am Boden droht.

Foto: Peter von Söhnen

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Dieser Text erschien erstmals im Februar 2020.

1. Kapitel

Die Arbeit als Skywarner

Dann nämlich hat von Söhnen Zeit für sein Hobby. Der 56-jährige Meckelstedter ist Amateur-Meteorologe, Tornadoforscher, Skywarner. Was klingt wie eine Jobbeschreibung aus einem Science-Fiction-Film, hilft Feuerwehren, Katastrophenschutz, dem Deutschen Wetterdienst und nicht zuletzt der Bevölkerung, auf kurzfristige, extreme Wetterereignisse schnell reagieren zu können.

Seine Einschätzung des anstehenden Sturmtiefs „Viktoria“? „Jo, es wird ab Sonntag windig, aber das ist der Norddeutsche ja gewöhnt.“ Spannend ist für ihn auch weniger die Vorhersage, dass wieder ein Sturmtief über Norddeutschland ziehen wird.

Hobby-Meteorologe Peter von Söhnen aus Meckelstedt.

Hobby-Meteorologe Peter von Söhnen aus Meckelstedt.

Foto: Arnd Hartmann

Tornados zu klein für Radargeräte

„Mittlerweile sind die Wetterdienste in der Lage, das Wetter für die nächsten drei Tage einigermaßen verlässlich vorherzusagen. Die Vorhersagen beziehen sich dann aber auf relativ große Gebiete, wie Norddeutschland oder vielleicht noch Niedersachsen. Spannender ist, dass jede einzelne Gewitterwolke das Potenzial hat, einen Tornado hervorzubringen“, erklärt der 56-Jährige.

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Ein Tornado ist ein meist kurzes und räumlich sehr klein ausgebildetes Wetterereignis - oft ist der Fuß eines Tornados nur 15 bis 20 Meter breit. Trifft ein Tornado allerdings auf ein Wald- oder gar Wohngebiet, kann dies verheerende Folgen für die Bevölkerung haben. Das Problem: Die Radaraufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes können so ein kleines, lokales Ereignis gar nicht erkennen, und erst recht nicht vorhersagen.

Skywarner: Das Auge im Unwetter

Damit Wetterdienste die Bevölkerung dennoch kurzfristig vor diesen Gefahrenlagen warnen können, braucht es Skywarner wie von Söhnen. Skywarner sind ehrenamtliche Wetterbeobachter und Wettermelder, organisiert unter dem Dach des Vereins „Skywarn Deutschland“. Zertifizierte Mitglieder bekommen Zugang zu den hochaufgelösten Daten der 16 Radargeräte des Deutschen Wetterdienstes.

Braut sich was zusammen, fahren sie raus, um das Wetterphänomen live zu beobachten. „Der deutsche Wetterdienst hat das am besten aufgelöste Radarsystem weltweit. Allerdings kann kein technisches System sagen, was aus der Vorhersage geworden ist. Was kam da jetzt tatsächlich unten an? Schnee, Hagel, eine Fallbö? Genau diese Augen im Unwetter sind wir Skywarner. Wir können abgleichen, was prognostiziert wurde mit dem, was unmittelbar hier unten angekommen ist“, erklärt von Söhnen.

Unwetterwarnungen werden präziser

Erfüllt das Wetterereignis gewisse Kriterien, geben die Skywarner ihren Standort, ihre Beobachtungen und vor allem die Richtung, in die das Ereignis zieht, in eine App. Die Daten werden dann an den E-Mailverteiler von Skywarn Deutschland verschickt. Gemeldet werden nur Ereignisse, die zu Schäden am Boden oder Gefahren für Menschen führen. Dazu zählen Tornados, Hagel in größerer Menge, Starkregenniederschläge ab einer bestimmten Menge, Starkwindereignisse wie Fallböen, sogenannte Downbursts, oder Staubstürme, die Autofahrern die Sicht nehmen könnten.

Zu den Abonennten des Skywarn-Dienstes gehört neben Feuerwehren, Katastrophenschutzbehörden und Privatleuten auch der Deutsche Wetterdienst. Pressesprecher und Tornadobeauftragter beim Deutschen Wetterdienst Andreas Friedrich erklärt: „Die Wetterdaten, unter anderem auch die der Skywarner, werden in unseren Zentralen von etwa 60 Meteorologen rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, überwacht und ausgewertet. Die Vor-Ort-Angaben der Skywarner ermöglichen uns präzise, kurzfristige Wetterwarnungen für die nächsten 30 bis 60 Minuten, die wir wiederum an unsere Abonnenten wie Privatleute und die Medien herausgeben.“

Alle weltweiten Messungen und Beobachtungen sowie die Ergebnisse der Computervorhersagen laufen in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach zusammen.

Alle weltweiten Messungen und Beobachtungen sowie die Ergebnisse der Computervorhersagen laufen in der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach zusammen.

Foto: Bernd Lammel

Zertifikation für Skywarner

Dabei war die Zusammenarbeit der Skywarner mit dem Deutschen Wetterdienst nicht immer eine Selbstverständlichkeit. „Es war gar nicht so einfach, dem Deutschen Wetterdienst glaubhaft zu machen, dass wir nicht nur ein Verein von Wetterverrückten sind, sondern dass unsere Beobachtungen auch tatsächlich eine wissenschaftliche Basis haben.“ Das schlimmste für ein Warnsystem wären inflationäre, nichtige oder falsche Meldungen.

Screenshot aus der Skywarn-App: Hierüber geben Skywarner ihre Meldungen über beobachtete Wetterereignisse ein.

Screenshot aus der Skywarn-App: Hierüber geben Skywarner ihre Meldungen über beobachtete Wetterereignisse ein.

Foto: Screenshot

Daher machte der Deutsche Wetterdienst eine Zertifizierung der Spotter zur Bedingung. Zwar kann jeder auch ohne Zertifizierung Meldungen in das Skywarn-System stellen. Zur Einschätzung von Wetterlagen zieht der Deutsche Wetterdienst dann aber hauptsächlich die Meldungen zertifizierter Spotter heran.

Schadensbilder geben Rückschlüsse

Von Söhnen ist seit 2004 Mitglied im Verein und zertifizierter Spotter. „Mein Arbeitsplatz war immer schon draußen und damit witterungsabhängig. Da beschäftigt man sich zwangsläufig mit der Wetterprognose.“ Aus Zweck wurde Interesse, dann Faszination. „Anfangs dachte ich, ich wäre mit dieser Faszination allein. Als ich dann zufällig auf den Verein Skywarn stieß, habe ich sehr schnell gemerkt, hier passe ich rein.“ Inzwischen ist er regionaler Ansprechpartner für den norddeutschen Raum.

Skywarn Deutschland

Der Verein mit Sitz in Osnabrück besteht seit 2003 und hat derzeit 407 zertifizierte („advanced“) Spotter, darüber hinaus viele „Basic Spotter“. Mindestbeitrittalter ist 16 Jahre, vertieftes Wissen über Meteorologie muss nicht vorhanden sein, aber ein großes Interesse an Wetterereignissen. Weitere Informationen unter www.skywarn.de.

Mit dem Beobachten und Melden von Extremwetterereignissen ist es für von Söhnen nicht getan. „Ebenso beeindruckend wie das Naturereignis an sich finde ich die Schäden am Boden, die ein Wetterereignis hinterlässt. Da läuft man durch eine Allee und es steht nichts mehr. Die Bäume konnten dem Wind nicht standhalten und sind einfach umgeknickt oder entwurzelt worden. Anhand dieser Schadensbilder kann man dann ablesen, ob es ein Tornado oder ein Downburst, also eine starke Fallbö war,“ beschreibt von Söhnen.

Neue Technologien im Einsatz

„Mich hat auch schon mal ein Landwirt angerufen, dessen Hof bei einem Sturm beschädigt wurde, und dessen Versicherung erst ab einer gewissen Windstärke zahlen wollte.“ Von Söhnen, von Beruf Brandschutzsachverständiger, begutachtete den Hof und analysierte die Schäden, die auf die Windstärke hindeuten. Bei der Schadensverifikation helfen ihm auch neue Technologien wie Smartphone-Videos von Augenzeugen oder Drohnen.

Bilder von Tornadoschäden

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„Früher mussten wir uns voll und ganz darauf verlassen, was wir am Boden sehen. Inzwischen können wir auch eine Drohne über ein Waldgebiet fliegen lassen und die Aufnahmen auswerten.“ Auch diese Daten werden an den Deutschen Wetterdienst geschickt, ausgewertet und in eine Datenbank gegeben, die die Vorhersagen für die nächsten Jahre wieder ein Stückchen besser machen sollen. „Denn verlässlich vorhersagen kann der Deutsche Wetterdienst das Wetter für drei Tage. Danach folgt der GKB, der Glaskugelbereich, danach der UGKB, der Ultraglaskugelbereich“, scherzt von Söhnen.

Schnittstelle zwischen Profi und Amateur

Noch haftet den Skywarnern etwas der Eindruck der „Sturmverrückten“ an. Erst vor einem halben Jahr hat die Deutsche Meteorologische Gesellschaft einen Fachausschuss für Amateurmeterologie eingerichtet, der als Schnittstelle zwischen Profis und Hobbymeteorologen fungieren soll.

Fujita-Skala

Die Fujita-Skala wurde 1971 von Dr. T. Theodore Fujita entwickelt und dient der Schadensklassifikation bei Tornados. Die Fujita-Skala umfasst 12 Stufen.
  • F0 (leicht): 64 bis 116 km/h, Schornsteine und Reklametafeln werden demoliert, Äste abgebrochen und flach wurzelnde Bäume umgestoßen.
  • F1 (mäßig): 117 bis 180 km/h, Autos werden von den Straßen geschoben, Wohnmobile umgeworfen, Wellblech bzw. Dachziegel abgerissen und Garagenbauten zerstört.
  • F2 (bedeutend): 181 bis 253 km/h, leichtere Gegenstände werden als gefährliche Wurfgeschosse durch die Luft gewirbelt, ganze Dächer abgedeckt, große Bäume gebrochen bzw. entwurzelt, Wohnwagen zerstört und Güterwaggons umgeworfen.
  • F3 (stark): 254 bis 332 km/h, Dächer und Wände von stabilen Häusern werden zerstört, Lkw umgeworfen bzw. verschoben, Züge zum Entgleisen gebracht und ganze Wälder entwurzelt.
  • F4 (verheerend): 333 bis 418 km/h, Häuser werden völlig zerstört, Gebäude mit schwachen Fundamenten als ganzes weggeweht bzw. verschoben, große Gegenstände und Autos durch die Luft verfrachtet und schwere Gegenstände zu gefährlichen Projektilen gemacht.
  • F5 (unglaublich): 419 bis 512 km/h, stabile Gebäude werden aus ihren Fundamenten gehoben. Autos fliegen mehr als 100 Meter durch die Luft. Stahlbetonkonstruktionen werden beschädigt und sogar Baumstämme entrindet.
  • F6 bis F12 (unfassbar): mehr als 512 km/h, theoretische Werte, die bisher nicht beobachtet wurden.
(Quelle: Deutscher Wetterdienst)

Ein großer Schritt nach vorne, freut sich von Söhnen, der mitgewirkt hat, dass dieser Fachausschuss eingerichtet wird. „Skywarn ist viel zu wenig in den Köpfen der Menschen. Wenn mehr Leute die Wetterphänomene bewusster beobachten und melden würden, würden die kurzfristigen Warnungen schneller an die relevanten Stellen rausgehen,“ appelliert von Söhnen.

Gesehen hat er übrigens erst einen einzigen Tornado aus der Ferne. „Die Wahrscheinlichkeit einen zu sehen ist recht gering. Da muss schon sehr viel passen.“ Zum Beispiel muss er am Wochenende stattfinden, am besten tagsüber.

Wolkenformationen

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2. Kapitel

Wie entsteht ein Tornado?

Drei Fragen an Andreas Friedrich, Pressesprecher und Tornadobeauftragter beim Deutschen Wetterdienst:

1 . Was ist ein Tornado und wie entsteht er?

Andreas Friedrich, Pressesprecher und Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes

Andreas Friedrich, Pressesprecher und Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes

Foto: Deutscher Wetterdienst

Ein Tornado oder eine Trombe ist ein seltenes, aber sehr gefährliches Extremwetterereignis. Ein Tornado ensteht, wenn verschiedene Faktoren aufeinander treffen. Zuallererst müssen sich am Himmel Gewitterwolken gebildet haben, eine Superzelle. Die Luftmasse unter der Wolke muss vom Boden her aufsteigen und sehr feucht sein. Damit sich die Luftmasse dreht, muss am Boden eine andere Windrichtung herrschen wie unter der Wolke. Ein Tornado zeichnet sich dadurch aus, dass der Luftwirbel von der Wolkenuntergrenze bis zum Boden reicht. Erst wenn er Bodenkontakt hat, zählt er als Tornado.

Den Begriff der Trombe oder auch „Windhose“ hat der Meteorologe Alfred Wegener geprägt. Der Begriff der Windhose wird allerdings nicht mehr verwendet. Es verniedlicht das sehr gefährliche Ereignis. Außerdem ist es ein Irrglaube, dass Tornados nur in Amerika vorkommen. Pro Jahr gibt es in Deutschland 20 bis 60 nachgewiesene Tornados. Die Dunkelziffer ist hoch, da nicht jeder Tornado als solcher erkannt wird. Tornados tauchen nämlich nicht auf den Radarbildern des Deutschen Wetterdienstes auf.

2. Wann war der heftigste Tornado in Deutschland?

1968 gab es in Pforzheim einen Tornado der Stärke F4 auf der Fujita-Skala (siehe unten). Er wütete mehrere Stunden und richtete große Schäden an, zwei Menschen kamen ums Leben. Im 18. Jahrhundert gab es einen Tornado im Osten Deutschlands, der einen Wert von F5 erreichte, der bisher stärkste gemessene Wert. F4 und F5 passieren nur alle paar Hundert Jahre, aber möglich sind Stärken wie in den USA durchaus.

3. Treten in den letzten Jahren mehr Extremwetterereignisse auf oder täuscht der Eindruck?

Extremwetterereignisse wie Dürre werden mehr. Die Anzahl der Tornados wird aber nicht höher, sondern sie werden heftiger. Das kann sehr wohl auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Energie speichern, womit die Extremereignisse heftiger ausfallen.

Lisa-Martina Klein

Autorin

Geboren und aufgewachsen ist Lisa-Martina Klein im Allgäu in Süddeutschland. Über Stationen im In- und Ausland hat sie sich in den Norden Deutschlands gearbeitet. Nach dem Bachelor in Anglophone Studies in Marburg und dem Master in Technischer Redaktion und Multimedialer Dokumentation in Gießen hätte sich die Channel Managerin einen Jobtitel mit weniger Erklärungsbedarf gewünscht. Ist aber ansonsten glücklich hier.

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