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Grenzkontrollen im Hafen: Auf Streife mit der Bundespolizei

Der Streifenwagen kurvt durch den Hafen. Er schlängelt sich zwischen Containern, Brücken und Van Carriern hindurch bis er schließlich an der hintersten Ecke der knapp 5000 Meter langen Stromkaje in Bremerhaven ankommt. Zwei Polizisten steigen aus und erklimmen die lange Gangway des Containerschiffs. Die „Maren Maersk“ ist eines von vielen Schiffen, die heute von der Bundespolizei kontrolliert werden. Bei ihrer Arbeit lernen die Polizisten nicht nur freundliche Philippiner und waffenverrückte Texaner kennen, manchmal werden sie auch in einen Cold Case verwickelt.

Dirk Hermann und die anderen Bundespolizisten kontrollieren jedes Crew-Mitglied und jeden Passagier auf den Fracht- und Passagierschiffen in Bremerhaven.

Dirk Hermann und die anderen Bundespolizisten kontrollieren jedes Crew-Mitglied und jeden Passagier auf den Fracht- und Passagierschiffen in Bremerhaven.

Foto: Lothar Scheschonka

Normalerweise geht es geruhsam zu, wenn Dirk Hermann ein Schiff betritt. „Wir sind die Grenzpolizei und wollen zum Kapitän“, sagt der Bundespolizist auf englisch zu dem sogenannten Watchman. Der bewacht den Zugang zum Schiff und nimmt routiniert das Funkgerät in die Hand. Er gibt einem anderen Crewmitglied bescheid, eine unverständliche Antwort rauscht ihm entgegen. Dann werden Hermann und sein Kollege René Schmidt über die fast 400 Meter lange „Maren Maersk“ in die Tiefen des Unterdecks geführt.

Volles Programm

Das übliche steht auf der Tagesordnung: Die Beamten sorgen dafür, dass niemand ohne gültige Dokumente an Land kommt und sie nehmen mitunter kriminelle Mitreisende fest. Das Schiff mit den 20.000 Containern soll heute noch ablegen - es geht nach Zeebrugge. Bis dahin müssen die Polizisten die Pässe aller Crewmitglieder kontrollieren. Vorab wurden ihre Daten bereits durch eine Datenbank gejagt, um festzustellen, ob nach einem der Seemänner gefahndet wird. Vor Ort überprüfen sie dann, ob die Papiere echt und noch aktuell sind. Das gleiche Prozedere gab es bereits bei der Ankunft im Hafen. Diesmal sind allerdings zwei neue Crewmitglieder dazu gekommen.

Dirk Hermann kontrolliert den Pass von Crew-Mitglied Romeo Calderon. Der geht in Bremerhaven an Bord und ist in den kommenden fünf Monaten auf See.

Dirk Hermann kontrolliert den Pass von Crew-Mitglied Romeo Calderon. Der geht in Bremerhaven an Bord und ist in den kommenden fünf Monaten auf See.

Foto: Lothar Scheschonka

Dirk Hermann lässt den Blick zwischen Romeo Calderon und seinen Papieren hin- und herpendeln. Dann gibt er ihm den Pass zurück. „Stimmt alles“, sagt er und klopft dem Seemann locker auf den Rücken. Wenn der Mann aus den Philippinen in Bremerhaven ablegt, wird er insgesamt fünf Monate auf See sein. „Ich arbeite seit über 25 Jahren auf unterschiedlichen Schiffen - ich bin das gewohnt“, sagt er auf englisch. „Aber wegen Corona war es schwieriger als sonst. In viele Häfen durften wir nicht mehr von Bord gehen. Hier in Bremerhaven hatte ich zum ersten Mal seit zwei Jahren Landgang.“ René Schmidt nickt wissend: „Die haben wirklich einen knallharten Job - besonders seit der Pandemie. In jedem Hafen gelten andere Grenzregelungen und manche Länder lassen nicht einmal die eigenen Staatsangehörigen rein.“ Die Geschichten von Männern, die vor dem Heimathafen warten und ihr zweijähriges Kind noch nie gesehen haben, gehen auch Revierleiter Matthias Kiehn nahe. „Auf den Philippinen werden zum Beispiel nur 1000 Personen pro Tag aufgenommen und in China müssen alle Einreisenden 14 Tage in Quarantäne“, zählt er auf. „Da merkt man, wie gut wir es hier haben“, fügt er nachdenklich hinzu.

Schnell und gründlich

Wir begleiten Beamte der Bundespolizei wie René Schmidt und Dirk Hermann (Mitte) bei ihrer Arbeit im Hafen.

Wir begleiten Beamte der Bundespolizei wie René Schmidt und Dirk Hermann (Mitte) bei ihrer Arbeit im Hafen.

Foto: Lothar Scheschonka

In Bremerhaven werden die bürokratischen Abläufe des Grenzübertritts in der Regel schnell abgehandelt. Das wissen auch die Seeleute zu schätzen. „Hier läuft das sehr gründlich aber meistens schnell“, antwortet Kapitän Vasil Mihaylov auf die Frage, wie sich die hiesige Grenzpolizei von denen in anderen Häfen unterscheidet. Sein Frachtschiff, die „Elbsailor“ ist mit einer Länge von 158 Metern deutlich kleiner als die „Maren Maersk“. Das Schiff wird nur vier bis fünf Stunden in Bremerhaven sein, dann geht es weiter nach Hamburg und Oslo. „Hier machen wir die Ein- und Ausreisekontrolle gleichzeitig, weil keiner von Bord geht. Und wenn der Kapitän das sagt, stimmt das auch“, sagt Dirk Hermann, während er die Pässe der zwölfköpfigen Crew durchblättert. „Natürlich könnten wir das ganze Schiff auf den Kopf stellen und alle Crewmitglieder antanzen lassen. Aber sowas machen wir nur in Ausnahmefällen. Es muss ein Verdacht vorliegen - zum Beispiel bei manchen Schiffen aus Afrika, bei denen man schon schlechte Erfahrungen mit blinden Passagieren gemacht hat“, erklärt er.

Ein weites Feld

Revierleiter Matthias Kiehn und René Schmidt von der Bundespolizei stehen vor der Mein Schiff 1. Daneben im Columbus Cruise Center wurden soeben die neuen Passagiere kontrolliert.

Revierleiter Matthias Kiehn und René Schmidt von der Bundespolizei stehen vor der Mein Schiff 1. Daneben im Columbus Cruise Center wurden soeben die neuen Passagiere kontrolliert.

Foto: Lothar Scheschonka

Doch als die Bundespolizei im Januar 2012 die Grenzkontrollen im Hafen von der Wasserschutzpolizei übernahm, gab es noch Vorbehalte gegenüber den neuen Beamten. „Einige Leute im Hafen dachten, jetzt kommt hier die richtige Grenzpolizei und es wird viel strenger kontrolliert“, so der Revierleiter. Neben dem Bremerhavener Hafen gehören auch der Bremer Flughafen, zwei weitere Seegrenzübergangsstellen, 19 Sportflugplätze und 130 Bahnhöfe zur Bundespolizeiinspektion Bremen. Heute, zehn Jahre später, haben sich die Ressentiments abgebaut und die alltäglichen Abläufe bei den 51 Beamten eingespielt. Während Dirk Hermann draußen Richtung Columbus Cruise Center fährt, um die Passagiere der „Mein Schiff 1“ zu kontrollieren, fertigen seine Kollegen im Revier die lange Schlange von Seemännern ab, die ein Übergangsvisum benötigen. Spannende Kriminalfälle scheint es hier nicht zu geben - oder doch?

Bundespolizei

Ein Tag zusammen mit der Bundespolizei unterwegs: Da hört man spannende und interessante Geschichten.

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Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen. So wird auch d...
Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen. So wird auch die Mein Schiff 1 kontrolliert. Foto Scheschonka

© Lothar Scheschonka

Mit dem Polizeiauto fahren die Beamten von einem Frachtschiff zum Columbus Cruis...
Mit dem Polizeiauto fahren die Beamten von einem Frachtschiff zum Columbus Cruise Center.

© Lothar Scheschonka

Dirk Hermann kontrolliert die Pässe der Kreuzfahrtspassagiere im Columbus Cruise...
Dirk Hermann kontrolliert die Pässe der Kreuzfahrtspassagiere im Columbus Cruise Center.

© Lothar Scheschonka

Dirk Hermann kontrolliert die Pässe der Kreuzfahrtspassagiere im Columbus Cruise...
Dirk Hermann kontrolliert die Pässe der Kreuzfahrtspassagiere im Columbus Cruise Center.

© Lothar Scheschonka

Die Bundespolizei sorgt dafür, dass sich keine blinden Passagiere auf den dicken...
Die Bundespolizei sorgt dafür, dass sich keine blinden Passagiere auf den dicken Pötten verstecken und nimmt kriminelle Mitreisende fest.

© Lothar Scheschonka

Dirk Hermann
Dirk Hermann

© Lothar Scheschonka

Die Polizisten werden über die fast 400 Meter lange „Maren Maersk“ in die Tiefen...
Die Polizisten werden über die fast 400 Meter lange „Maren Maersk“ in die Tiefen des Unterdecks geführt.

© Lothar Scheschonka

Über das Funkgerät gibt der Watchman an der Gangway einem Crew-Mitglied bescheid...
Über das Funkgerät gibt der Watchman an der Gangway einem Crew-Mitglied bescheid, dass die Bundespolizei mit dem Kapitän sprechen möchte.

© Lothar Scheschonka

Über die Gangway gelangen die Beamten auf die „Maren Maersk“.
Über die Gangway gelangen die Beamten auf die „Maren Maersk“.

© Lothar Scheschonka

Die Bundespolizisten sind bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit unterwegs.
Die Bundespolizisten sind bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit unterwegs.

© Lothar Scheschonka

René Schmidt und Dirk Hermann (re.) kontrollieren die Pässe auf der „Elbsailor“....
René Schmidt und Dirk Hermann (re.) kontrollieren die Pässe auf der „Elbsailor“. „Hier läuft das sehr gründlich aber meistens schnell“, sagt Kapitän Vasil Mihaylov (li.)

© Lothar Scheschonka

Wenn alles gut läuft, dauert eine Kontrolle auf dem Schiff nur fünf Minuten. Vor...
Wenn alles gut läuft, dauert eine Kontrolle auf dem Schiff nur fünf Minuten. Vorher werden die Daten der Reisenden allerdings durch die Software der Polizei gejagt.

© Lothar Scheschonka

Mit dem Streifenwagen kurven die Beamten zwischen Containern, Brücken und Van Ca...
Mit dem Streifenwagen kurven die Beamten zwischen Containern, Brücken und Van Carrieres durch den Hafen.

© Lothar Scheschonka

Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen. Foto Scheschon...
Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen. Foto Scheschonka

© Lothar Scheschonka

Im Revier nimmt René Schmidt nimmt Fingerabdrücke von einem Crew-Mitglied. Er br...
Im Revier nimmt René Schmidt nimmt Fingerabdrücke von einem Crew-Mitglied. Er braucht ein Übergangsvisum.

© Lothar Scheschonka

Holger Homeyer arbeitet im Revier die lange Schlage von Seemännern ab, die ein Ü...
Holger Homeyer arbeitet im Revier die lange Schlage von Seemännern ab, die ein Übergangsvisum benötigen.

© Lothar Scheschonka

Mit Hilfe der modernen Fingerabdruck-Technik konnte ein Cold Case gelöst werden....
Mit Hilfe der modernen Fingerabdruck-Technik konnte ein Cold Case gelöst werden. Die Bundespolizei in Bremerhaven hat den Tatverdächtige geschnappt.

© Lothar Scheschonka

Die Polizisten arbeitet im Revier die lange Schlage von Seemännern ab, die ein Ü...
Die Polizisten arbeitet im Revier die lange Schlage von Seemännern ab, die ein Übergangsvisum benötigen.

© Lothar Scheschonka

Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen.
Wir begleiten Beamte der Bundespolizei bei ihrer Arbeit im Hafen.

© Lothar Scheschonka

Revierleiter Matthias Kiehn
Revierleiter Matthias Kiehn

© Lothar Scheschonka

René Schmidt
René Schmidt

© Lothar Scheschonka

Blick von der "Maren Maersk" auf das Containerterminal in Bremerhaven - hier arb...
Blick von der "Maren Maersk" auf das Containerterminal in Bremerhaven - hier arbeiten die Bundespolizisten.

© Lothar Scheschonka

Mein Schiff 1 am Columbus Cruise Center. Foto Scheschonka
Mein Schiff 1 am Columbus Cruise Center. Foto Scheschonka

© Lothar Scheschonka

Übeltäter überführt

Tatsächlich war die Bundespolizei erst im vergangenen Jahr in einen Cold Case verwickelt. Im November 2021 haben die Bremerhavener Polizisten bei der Einreisekontrolle einen Arbeiter auf einem Schiff festgenommen. Der soll vor 30 Jahren eine Spielhalle in Bochum brutal überfallen haben. Dabei attackierte der Täter eine Mitarbeiterin mit einem Hammer, steckte sich das Bargeld ein und ließ die verletzte Frau zurück. Lange Zeit wusste niemand, wer der Angreifer sein könnte, doch dann kam die neue Technik ins Spiel. Mit Hilfe eines modernen, digitalen Fingerabdruck-Systems rollte die Polizei in Bochum den alten Fall wieder auf und konnte einen 55-jährigen Mann als möglichen Täter identifizieren. Doch der hatte keinen Wohnsitz und war zunächst unauffindbar. Erst als die Grenzpolizei in Bremerhaven die Daten einer Frachtschiff-Crew checkte, wurden die Beamten auf den Haftbefehl aufmerksam und konnten den Flüchtigen in die Untersuchungshaft nach Bochum bringen.

Hart aber herzlich

Als die Bundespolizei im Januar 2012 die Grenzkontrollen im Hafen von der Wasserschutzpolizei übernahm, gab es noch Vorbehalte gegenüber den neuen Beamten. Das hat sich inzwischen geändert.

Als die Bundespolizei im Januar 2012 die Grenzkontrollen im Hafen von der Wasserschutzpolizei übernahm, gab es noch Vorbehalte gegenüber den neuen Beamten. Das hat sich inzwischen geändert.

Foto: Lothar Scheschonka

Fälle wie dieser sind zwar außergewöhnlich für die Bundespolizei in Bremerhaven, aber Festnahmen gibt es immer wieder. Oft ist es ein Strafbefehl wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis oder es sind kleinere Ordnungswidrigkeiten, die sich schnell mit einem Bußgeld erledigen lassen. „Es gibt diese großen Fälle, aber das ist eigentlich nicht das besondere an der Arbeit“, ist René Schmidt überzeugt. „Das Beste sind die Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen aus so vielen Nationen. Man hört Geschichten und lernt die kulturellen Eigenarten kennen.“ Damit meint er nicht nur die anrührenden Begegnungen, sondern auch die vielen lustigen Momente während der Kontrollen: „Die Asiaten sind immer extrem höflich - da sind wir Respektspersonen“, erzählt er. Amerikaner treten vergleichsweise selbstbewusster auf. „Einmal hat mir ein 50-Jähriger Texaner auf die Schulter getippt und gesagt: Ey, zeig mir mal deine Waffe. Ich hab ihn dann gefragt, ob er das auch bei einem FBI-Agenten machen würde“, erinnert er sich und bricht gemeinsam mit den Kollegen in Gelächter aus. Dann hält er inne, und fügt ernster hinzu: „Der Hafen ist ein internationaler Kommunikationsknotenpunkt und deshalb ist es wichtig, dass wir freundlich auf die Leute zugehen. Denn so wie wir ihnen gegenübertreten, so nehmen sie auch diese Stadt wahr.“


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Luise Maria Langen

Reporterin

Luise Langen arbeitet seit 2020 als Reporterin für die NORDSEE-ZEITUNG. Von guten Geschichten war die gebürtige Berlinerin aber schon immer begeistert – auch während ihres Germanistik-Studiums in Österreich und der Zeit als Regieassistentin am Stadttheater Bremerhaven.

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