Cuxland

Wattwanderungen: Die geheimnisvolle Anziehungskraft der Gezeiten

Zu entdecken gibt es in Butjadingens Wattenmeer auch im Herbst eine Menge. Neue Touren, spannende Geschöpfe und ganz viel Ruhe. Die Wattschnecken Verena Kernbach und Yvonne Ahlers vom Wattschnack haben mich ins Tossenser Watt mitgenommen und vom Zauber des Wattenmeeres und ihrer Arbeit berichtet. In diesem Jahr hat sich das Trio, zu dem auch Nils Kernbach gehört, mit der Marke Wattschnack selbstständig gemacht. Den Wattschnack selbst gibt es schon viel länger.

Das Wrack im Watt vor Tossens ist eine beliebte Anlaufstelle für geführte Wattwanderungen. Nur noch die Metallteile sind übrig. Man munkelt, es gebe hier einen Schatz.

Das Wrack im Watt vor Tossens ist eine beliebte Anlaufstelle für geführte Wattwanderungen. Nur noch die Metallteile sind übrig. Man munkelt, es gebe hier einen Schatz.

Foto: Nicole Böning

Was machen eigentlich Wattführer im Corona-Lockdown? Die Frage habe ich Verena Kernbach vom Wattschnack-Team gestellt. Die Rückfrage: „Bist du spontan?“ Also treffen wir uns am nächsten Tag um halb neun in Tossens. Zwei Stunden vor Niedrigwasser. Klar, wenn Wattführer frei haben, gehen sie wattwandern. Und weil ich auch frei habe und spontan bin, stehe ich am nächsten Morgen bei frischen sieben Grad und strahlend blauem Himmel pünktlich am Friesenstrand in Tossens und sehe Verena Kernbach und Yvonne Ahlers im Gegenlicht auf mich zukommen.

Sie sind die Wattschnecken des Wattschnack-Teams, zu dem auch Verenas Mann Nils Kernbach gehört. Der ist an diesem Tag auch im Watt unterwegs. Allerdings von Eckwarderaltendeich aus. Wir sehen später seine Silhouette auf der anderen Seite der Seehundbank, die an diesem Tag unser Ziel ist. Rucksack, Stiefel und eine Wattforke haben Verena Kernbach und Yvonne Ahlers dabei. Und noch etwas Wichtiges für Exkursionen ins Watt: einen Jutebeutel für die Funde.

Verena Kernbach und Yvonne Ahlers am Unterfeuer Tossens. Es steht drei Kilometer vor der Küste und ist bei ablaufendem Wasser mit einem Wattführer gut zu erreichen.

Verena Kernbach und Yvonne Ahlers am Unterfeuer Tossens. Es steht drei Kilometer vor der Küste und ist bei ablaufendem Wasser mit einem Wattführer gut zu erreichen.

Foto: Nicole Böning

Ruhe im Watt und die Weite genießen

Verena ist vor 20 Jahren dem Ruf des Nordens gefolgt und aus dem Westerwald an die norddeutsche Küste gezogen. „Ich wollte immer ein Reetdachhaus am Wasser“, sagt die heute 52-Jährige. Das hat sie inzwischen zwar gegen ein Haus ohne Reet direkt am Deich in Eckwarderaltendeich getauscht, dafür ist sie dem Wattenmeer so nah wie nie zuvor. „Wenn wir Zeit haben und das Wetter mitspielt, sind wir so oft wie möglich draußen“, erzählt sie. Neue Touren erkunden, Schätze im Watt entdecken. Selbst mal in Ruhe im Watt stöbern und die Weite genießen.

„Während der Touren haben wir immer die Gruppe im Blick, müssen darauf achten, dass sie zusammenbleibt und dass sie sicher durchs Watt kommt. Heute machen wir das nur für uns“, sagt Yvonne Ahlers. Auch sie ist dem Ruf des Wattenmeers gefolgt. Für seine geheimnisvolle Anziehungskraft hat sie ihr festes Umfeld und das Eigenheim in Bad Salzuflen hinter sich gelassen. Mit Mutter und Mann ist sie nach Butjadingen gezogen.

Auch im Wattenmeer findet man Stockenten. Mit einem schmatzenden Geräusch schnäbeln sie durch feuchte Stellen im Watt nach Futter.

Auch im Wattenmeer findet man Stockenten. Mit einem schmatzenden Geräusch schnäbeln sie durch feuchte Stellen im Watt nach Futter.

Foto: Nicole Böning

Die Gezeiten gestalten das Watt immer neu

Ob sie sich vor fünf Jahren hätte vorstellen können, mal hier zu leben und Wattführerin zu sein? „Nein, niemals, ich mochte die Ostsee“, sagt sie, „ich dachte, was soll ich an der Nordsee, wenn das Wasser immer wieder verschwindet?“ Dann kam der erste Urlaub in Tossens. Dann der zweite und die erste Wattwanderung. Dann wattwanderte sie im Urlaub täglich, manchmal auch mehrmals. Wann immer Nils Kernbach rausging und was immer sie vorhatte, sie war dabei. „Nach der Woche Urlaub war ich immer drei Kilo leichter, weil ich so oft unterwegs war“, erzählt sie.

Was ist es, was das Wattenmeer so besonders macht? „Die Gezeiten sind etwas, das der Mensch nicht beeinflussen kann“, sagt Yvonne Ahlers, „sie machen, was sie wollen und gestalten das Wattenmeer jedes Mal neu.“ Mit Verena Kernbach hat sie deshalb den Wattführerschein gemacht. Damit wurde aus der Berufung ein Beruf. Ein Lehrgang, sechs nachgewiesene Wattführungen und eine zweistündige mündliche Prüfung später brachen die beiden zur ersten eigenen Wattführung auf. Mit Nils Kernbach haben sie sich in diesem Jahr selbstständig gemacht – die Marke Wattschnack gibt es schon viel länger.

Wühlen im Watt macht glücklich

Die Begeisterung der beiden ist ansteckend. Ich bereue fast, dass mein Ziel des Tages die Fotosafari ist und ich nicht mit den Wattführerinnen im Schlick wühlen kann, um die Bewohner oder ihre Reste und Hinterlassenschaften zu entdecken und in Ruhe zu bewundern. Dafür nehme ich die Funde der beiden vor die Linse, teilweise kniend im Schlick und sehe am Ende aus wie ein glückliches Kind – und fühle mich auch so – Sonne im Gesicht, beschmiert mit Schlick und mit Wasser in den Stiefeln.

Ein Silberreiher und zwei landende Möwen vor der Skyline Wilhelmshaven im Tossenser Watt.

Ein Silberreiher und zwei landende Möwen vor der Skyline Wilhelmshaven im Tossenser Watt.

Foto: Nicole Böning

Wir bewundern den Silberreiher, der sich in einer Senke spiegelt und einen leuchtenden Kontrast zur diesigen Skyline Wilhelmshavens bildet. Die Stockenten, wie sie im feuchten Watt schmatzend nach Essbarem schnäbeln. Jeder Schwamm wird bestaunt, Taschenkrebse untersucht. Ich lerne den Seeringelwurm kennen. Ein äußerst garstiges Würmchen, glücklicherweise eine kleine Version. Auf der Hand bäumt er sich auf wie eine Kobra, stülpt seinen Schlund nach außen und zieht ihn wieder ein. Eine Zange soll das seltsame Geschöpf darin haben. Unheimlich.

Der Seeringelwurm sieht unscheinbar aus, aber er richtet sich auf wie eine Kobra und stülpt seinen Rüssel ein und aus. Er hat darin sogar Zangen. Unheimlich.

Der Seeringelwurm sieht unscheinbar aus, aber er richtet sich auf wie eine Kobra und stülpt seinen Rüssel ein und aus. Er hat darin sogar Zangen. Unheimlich.

Foto: Nicole Böning

Eine frisch trockengefallene Seestachelbeere stiehlt den Seehunden schließlich die Schau. Die dösen in sicherer Entfernung auf der Sandbank hinter dem breiten Priel und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Wir setzen die Seestachelbeere in den Priel und sehen zu, wie sie ihre Tentakel ausfährt und langsam davonpulsiert. Dann machen wir uns auf den Rückweg. Die Flut kommt.

Diese Seestachelbeere wurde vom ablaufenden Wasser überrascht. Im richtigen Licht schimmern ihre Wimperplättchen in Regenbogenfarben.

Diese Seestachelbeere wurde vom ablaufenden Wasser überrascht. Im richtigen Licht schimmern ihre Wimperplättchen in Regenbogenfarben.

Foto: Nicole Böning

Schneckenhäuser wie Trophäen

Mehr als drei Stunden waren wir am Ende unterwegs. Zeit nehmen für das Wattenmeer und Mitwanderer wie mich, das ist Verena Kernbach und Yvonne Ahlers wichtig. Im Gegensatz zu den beiden merke ich schon jetzt einen deftigen Muskelkater in Po und rückwärtigem Oberschenkel. Die beiden merken nichts. Gewohnheit. Zurück auf dem Parkplatz schenken sie mir ihre Funde des Tages. Alles bis auf die Wellhornschneckenhäuser. Die sind hier selten im Wattenmeer – und für die beiden wie Trophäen. Mit Nils Kernbach läuft ein Wettkampf. Ein ungleicher, denn bei einer Wanderung hat Nils Kernbach ein ganzes Nest mit 50 gewundenen Häusern gefunden. Unschlagbar.

Als ich später entkräftet auf dem Sofa liege und das Gefühl habe, nie wieder laufen zu können, plane ich im Geiste die nächste Wattwanderung. Es soll eine Gezeitenwanderung sein. Mit dem Eintreffen der Flut in Richtung Küste laufen. Vor und hinter der Wasserkante, die je nach Stadium einen bis drei Zentimeter pro Minute zurücklegt. Vor dieser Führung hatte Yvonne Ahlers anfangs am meisten Respekt. Heute ist sie ihre Lieblingsführung. Ich will dieses Phänomen hautnah erleben, das diese zwei Frauen an die Nordsee gelockt hat.

Mehr über den Wattschnack und die Wattführungen gibt es hier.

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