Bremerhaven

Pinguins-Trainer Popiesch lebt die Werte des Clubs vor

Was können Firmenchefs von einem Cheftrainer lernen? Wie gelingt es, Stärken und Schwächen auszubalancieren? Thomas Popiesch, Trainer der Fischtown Pinguins, gibt im Gespräch mit Christoph Linne spannende Einblicke, wie man eine Mannschaft führt. „Man muss Werte klar festlegen und vorleben“, sagt der 56-Jährige.
Pinguins-Trainer Thomas Popiesch.

Pinguins-Trainer Thomas Popiesch.

Foto: Arnd Hartmann

Welche Parallelen lassen sich zwischen der Berufswelt und dem Sport-Zirkus ziehen? Zu hundert Prozent kann ich da keine Aussage treffen, weil ich zu wenig im normalen Berufsleben war. Aber wenn man sich mit vielen Leuten unterhält, sieht man schon Schnittpunkte. Es geht um Führungsqualität und Motivation. Man muss die Leute begeistern. Da haben wir es im Sport manchmal einfacher, weil die Jungs ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Da ist eine andere Emotionalität drin. Der Unterschied ist, dass Berufssportler sehr häufig wechseln und nicht 10, 12 oder 15 Jahre beim gleichen Arbeitgeber arbeiten. Da ist es schwer, jedes Jahr eine eingeschworene Gemeinschaft zu bilden.

Man wundert sich, wie groß so ein Umbruch sein kann. Etliche Spieler verlassen jedes Jahr den Club, bei den Pinguins sind es jetzt mindestens neun. Wie gehen Sie einen solchen Umbruch an? Man muss ein wenig zurückblicken. Als wir 2016 in die DEL aufgestiegen sind, haben wir uns mit Alfred Prey und Hauke Hasselbring zusammengesetzt und überlegt: Was wollen wir in Bremerhaven? Welche Werte wollen wir vermitteln? Es ging darum, der Mannschaft ein Gesicht zu geben. Das war am Anfang schwierig. Wir haben viele unerfahrene Spieler in die Liga geholt, die dann nach zwei, drei Jahren zu anderen Vereinen gewechselt sind, wenn sie gute Leistungen gezeigt haben. Im Laufe der Zeit haben wir dann immer mehr versucht, einen Kern zusammenzuhalten, der unsere Werte vermittelt.

Wie findet man dafür die richtigen Spieler? Wir stellen bei der Suche die charakterliche Stärke und die Fähigkeit, Leaderrollen zu übernehmen, in den Vordergrund. Da muss man sehr genau scouten. Aus finanziellen Gründen können wir uns keine Fehlgriffe erlauben. Da macht Alfred Prey einen Riesen-Job, der viel mit den Spielern spricht, um die Charaktere herauszufiltern. Wir brauchen ja nicht nur gleiche Charaktere, sondern unterschiedliche, die sich auch mal reiben können. Das ist nicht in einem Sommer erledigt, sondern eine längerfristige Aufgabe. Wir haben über fünf, sechs Jahre locker 70, 80 Spieler im Scouting.

Unsere Werte definieren sich über Disziplin, Demut und Durchhaltevermögen. Das müssen wir Trainer vorleben, dann kann man es auf die Spieler übertragen.

Thomas Popiesch

Thomas Popiesch


Wie finden Sie heraus, wer welche Rolle ausfüllen kann?
Das ist nicht ganz so einfach. Man scoutet Spieler, die früher schon mal eine Führungsrolle innehatten. Dazu versucht man, in Gesprächen herauszufinden, wie sich jemand in Stresssituationen verhält. Wenn man früher zu Spielen gefahren ist, um einen Spieler zu beobachten, hat man hauptsächlich geschaut: Kann der gut skaten, hat der eine gute Technik. Heute schaut man: Wie präsentiert er sich im nächsten Wechsel, wenn er vorher einen Fehler gemacht hat. Wie ist sein Verhalten auf der Bank? Wie seine Körpersprache? Wie spricht er mit dem Trainer? Man achtet mehr auf die zwischenmenschlichen Sachen. Aber so viel man auch scoutet: Es wird sich erst vor Ort in den Stresssituationen zeigen, wie charakterlich gefestigt er für die Rolle ist.

Wie gehen Sie mit Spielern um, die nicht so spielen wie erwartet? Man muss ein feines Gespür haben. Man führt viele Gespräche, in denen man den Spieler vielleicht beruhigen muss, vielleicht aber auch emotional fordern muss. Oder man setzt im Training neue Reizpunkte, um einem Spieler zu zeigen, dass er wichtig ist und gebraucht wird. Aber auch, dass er bessere Leistungen bringen muss. Ein einzelnes Rezept gibt es nicht.

Wie wichtig ist Gruppendynamik? Sehr wichtig. Früher haben wir viele gruppendynamische Dinge gemacht, zum Beispiel mal einen Hochseilgarten besucht. Wo die Spieler merken, dass sie aufeinander angewiesen sind und in der Zusammenarbeit Erfolge erzielen.

Was machen Sie, wenn es mit einem Spieler zwischenmenschlich nicht klappt? Man muss schauen: Was bekomme ich von ihm. Wenn einer mehr kaputtmacht, als er reinbringt, muss man sich trennen. Zum Glück hatten wie den Fall hier noch nicht. In meiner früheren Station in Dresden war es mal so, dass es zwei Führungsspieler gab, bei denen es überhaupt nicht gepasst hat. Da hat sich die Mannschaft geteilt. Wir mussten uns von beiden trennen, damit keiner als Sieger dasteht. Das war eine schwierige Entscheidung, aber es hat funktioniert. Danach haben wir unser Saisonziel noch erreicht.

Wie bleiben Sie in zwischenmenschlichen Dingen auf dem Laufenden? Ich glaube an die Macht der Gespräche. Wenn es zwischenmenschlich nicht passt, muss man zunächst die Gründe ausloten und erst dann handeln. In der täglichen Arbeit gibt es immer kleinere Reibereien. Es ist die große Kunst, herauszufinden, was davon wichtig ist und dazu beiträgt, dass die Spieler nicht harmonieren.

Wie motivieren Sie Spieler zu Spitzenleistungen? Das ist ein Prozess. Jeder weiß: So wie er trainiert, wird er auch spielen. Deswegen versuchen wir, im Training Schwerpunkte zu setzen, um die Spieler zu Höchstleistungen zu motivieren. Da setzen wir mal kleine Preise aus oder es gibt Neckereien, dass der Verlierer etwas tun muss, das ihm nicht wehtut, was er aber nicht mag. Früher haben wir zum Beispiel mal gemacht, dass der Verlierer ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen muss oder bei der Weihnachtsfeier den Weihnachtsmann spielen muss. Das hilft dabei, die Mannschaft zusammenzubringen. Die Jungs dürfen voreinander keine Scham haben. Sie müssen ehrlich zueinander sein und auch Sachen erzählen, die sie bedrücken. Das ist nicht ganz so einfach.

Schwierigkeiten entstehen in Krisen, die Pinguins hatten in der Saison ja auch eine Niederlagenserie. Wie zieht man die Mannschaft wieder hoch? Als Erstes ist es viel Analyse der Trainer. Man muss herausfinden, warum die Spiele verloren gingen. Manchmal spielt man gut und verliert trotzdem, manchmal kommt man in ein mentales Loch, manchmal macht man Sachen, die nicht zum Gameplan gehören. Dann kommt man in einen Strudel rein, der schwer aufzuhalten ist. Da versuchen wir, sofort reinzugehen mit positiven Videos und Einzelgesprächen. Wir wissen: Wir kommen da nur als Team raus, da hilft uns kein anderer.

Auch der Trainerstab ist ein Team mit unterschiedlichen Aufgaben. Wie geht das Zusammenspiel? Die Kommunikation ist extrem wichtig. Wir müssen felsenfest die gleiche Meinung haben und die gleichen Werte vertreten. Klar wollen wir am Ende gewinnen, aber wir wollen sportlich gewinnen, nicht mit schmutzigen Tricks. Unsere Werte definieren sich über Disziplin, Demut und Durchhaltevermögen. Das müssen wir Trainer vorleben, dann kann man es auf die Spieler übertragen. Ein Glücksgriff für uns in den letzten sechs Jahren war Mike Moore. Ein Kapitän und Leader, wie er im Buche steht. Das kann man nicht oft genug hervorheben.

Was macht ihn so besonders? Er ist ein fantastischer Mensch und ein fantastischer Hockeyspieler. Was er in den letzten sechs Jahren in der Kabine geleistet hat, werden wir erst jetzt wirklich merken, wo er nicht mehr da ist. Das war phänomenal. Wir reden immer davon, dass wir eine Familie sein wollen. Aber es geht auch um Arbeitsplätze, auch gegeneinander. Da die Balance zu finden, dabei hat er uns wahnsinnig unterstützt. Er hat die Fischtown-Mentalität vorgelebt und es allen leichter gemacht, sich da zu integrieren.

Was können Sie anderen Chefs mit auf den Weg geben, wie sie ihre Rolle noch besser finden? Ich habe viel über Leadership gelesen und ein paar Dinge für mich festgestellt. Punkt eins: Ich versuche, die Spieler so zu behandeln, wie ich selber gerne als Spieler und als Mensch behandelt worden wäre. Punkt zwei ist, Werte klar festzulegen und vorzuleben. Wofür stehe ich, und wofür steht mein Team. Und dann muss man lernfähig sein. Für mich ist es zum Beispiel eine Riesenherausforderung, mit jungen Spielern zu arbeiten. Vor 30 Jahren hat der Trainer vielleicht mal Hallo gesagt. Heute sitzt ein junger Spieler jeden Tag 30 Minuten im Trainerbüro, weil er sich austauschen will, welche Dinge ihn bewegen. Junge Spieler nehmen nicht mehr einfach alles hin, sie wollen wissen: wieso, weshalb, warum? Da muss man Antworten haben.

Christoph Linne

Chefredakteur

Christoph Linne sorgt seit November 2017 als Chefredakteur für frischen Wind bei der NORDSEE-ZEITUNG, ihren Schwester-Titeln und den digitalen Angeboten. Den Grundstein für seine Laufbahn legte der 1972 in Marburg geborene Journalist in Hessen, startete 1994 als freier Mitarbeiter, hospitierte bei der Frankfurter Rundschau, volontierte bei der Oberhessischen Presse (OP). Dort wurde er nach Stationen und Funktionen in allen Ressorts im Jahr 2005 zum damals jüngsten Chefredakteur Deutschlands berufen.

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