Bremerhaven

Drogensucht: Wie eine Mutter seit zehn Jahren um ihren Sohn kämpft

Felix‘ Geschichte beginnt wie wohl die meisten Geschichten, in denen es um den Weg eines jungen Menschen in die Drogenabhängigkeit geht: Er war ein ganz normaler Junge. Bis er in die falschen Kreise kam. Es ist unmöglich, sie chronologisch und umfassend zu erzählen. Dagegen ist die Geschichte von Kerstin eine der seltener erzählten Seiten der Drogensucht: Es ist die Geschichte der Mutter, die seit zehn Jahren alleine für ihren Sohn kämpft, auch wenn Aufgeben oft die leichtere Option gewesen wäre.

Kerstins Leben wird bestimmt von der Drogensucht ihres Sohnes. Seit er in Zwangstherapie ist, schöpft sie aber wieder etwas Hoffnung.

Kerstins Leben wird bestimmt von der Drogensucht ihres Sohnes. Seit er in Zwangstherapie ist, schöpft sie aber wieder etwas Hoffnung.

Foto: Lisa-Martina Klein

Alle Namen sind geändert. Obwohl Kerstin (59) inzwischen mit der Situation klarkommt, hat sie Angst um die Zukunft ihres Sohnes. Dass er, heute 24 Jahre alt, eine hat, haben beide lange nicht geglaubt. Auch den Wohnort in Niedersachsen möchte sie nicht gern preisgeben, um alte Wunden nicht wieder aufzureißen.

1. Kapitel

Babos falsche Freunde

Felix ist ein ganz normaler Junge. Er wächst mit seiner Familie in Norddeutschland auf. Der Vater liebt beide Kinder, aber seine Tochter ein bisschen mehr, den Alkohol noch mehr. Die Eltern trennen sich, als Felix zwei Jahre alt ist. Felix geht zum Fußball, Kickboxen, Angeln und kümmert sich um seine Tiere. Dann zieht Kerstin mit den beiden Kindern weg, vom Land in die Stadt. Er geht auf die Realschule, fliegt aber, weil er zunehmend Ärger mit den Lehrern bekommt. „Am Anfang denkt man ja noch, das ist eben die Pubertät, das vergeht wieder“, denkt Kerstin zurück. Aber die Taten werden immer schlimmer, Angriffe auf Lehrer, Graffitis in der Stadt, Randale.

Auf der Hauptschule gehen die Noten in den Keller, Felix aber ist das alles „scheißegal“. Er hat neue Freunde. Allen voran Marco. „Die beiden waren wie Pech und Schwefel, Marco war ein ganz ruhiger, aber auch ihm war alles egal“, sagt Kerstin. An Felix 15. Geburtstag flattert ein Brief der Polizei ins Haus, der erste von vielen. „Ich fiel vom Glauben ab, da stand was drin von Cannabis. Was hat denn mein Sohn mit Cannabis zu tun?“ Es sind Sommerferien, Felix schläft noch, als sie mit dem Brief in sein Zimmer platzt und ihn fragt, was er zu bedeuten hat. Nichts, ich habe nichts getan. Mama, geh weg.

Wie tief Felix da inzwischen schon im Sumpf ist, ahnt Kerstin nicht. „Mir erklärte sich durch den Brief aber der ständige, komische Geruch im Haus. Ich hatte nie etwas mit Drogen zu tun, daher konnte ich das Lange nicht zuordnen.“ Es ist der süßlich-herbe Geruch von Cannabis. An das Rauschmittel kommt Felix indirekt durch seinen Freund Marco. Der Freund von Marcos Schwester konsumiert und dealt. Der Freund von Marcos Schwester lebt inzwischen nicht mehr.

Der Babo der Stadt

Es bleibt nicht bei Hehlerei und Besitz von Cannabis. Im Laufe der Monate und Jahre folgen weitere Straftaten. Diebstahl, Raubüberfall, leichte und schwere Körperverletzung, Beamtenbeleidigung, Pöbeleien, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Betrug, Einbruch. Immer wieder durchsucht die Polizei Kerstins Haus nach Drogen, er stiehlt Handys und schließt damit mehrere Handyverträge ab, um sie dann weiter zu verkaufen. Er bestellt Ware im Internet, und bezahlt nicht. „Nichts hat der Typ ausgelassen.“ Wenn Kerstin von ihrem Sohn spricht, spricht sie oft von „dem Typ“.

Felix hat keinen Schulabschluss. In der 8. Klasse ging er ohne Abschluss von der Hauptschule ab.

Felix hat keinen Schulabschluss. In der 8. Klasse ging er ohne Abschluss von der Hauptschule ab.

Foto: Lisa-Martina Klein

Felix hat bald nur noch zwei Gesichter, eines auf Drogen, eines auf Entzug. Wenn er auf Droge ist, liegt er so zugedröhnt im Bett, dass Kerstin immer wieder kontrolliert, ob er noch am Leben ist. Oder er ist größenwahnsinnig, tanzt auf dem Treppengeländer im zweiten Stock des Hauses. „Er hat immer zu mir gesagt: ‚Mir, Mama, mir passiert nichts. Weißt du, wer ich bin? Ich bin der Babo, der Chef hier, mir passiert nichts‘, sagte er immer. ‚Und wenn ich was sage, wenn ich einmal losschreie, parieren die anderen sowieso, ich bin der Babo hier.‘“

Wenn er auf Entzug ist und Geld will, zerstört er alles und jeden, der sich ihm in den Weg stellt. „Geld kriechst du nicht, sach ich, kriechst du nicht, du kaufst eh nur Drogen davon“, sagt Kerstin. Sich ihrem eigenen Sohn entgegenzustellen, wird immer gefährlicher. Er wird immer ausfälliger, aggressiver, schlägt mit der Faust Löcher in die Wand, schreit sie an. Ihre Handtasche und Geldbörse lässt sie da schon längst nicht mehr aus den Augen.

Der Haftbefehl

Es folgen Gerichtsverhandlungen, Sozialstunden, Arrest. Der Punkt, den Kerstin rückblickend als Tiefpunkt bezeichnet, kommt früh. Mit 16 haben sich so viele Straftaten und geschwänzte Sozialstunden angesammelt, dass es 2013 zu einer Gerichtsverhandlung kommt. Urteil: 1 Jahr, 3 Monate Haft. Felix soll sich selbst zum Vollzug melden, taucht stattdessen unter. Die Polizei fährt inzwischen täglich an Kerstins Haus vorbei, patrouilliert. Bis Haftbefehl erlassen wird.

Vom Tag der Festnahme ihres Sohnes zu erzählen, kostet Kerstin viel Kraft. Die, die im Kampf um ihren Sohn und gegen seine Drogensucht immer die Kontrolle zu behalten versucht, beginnt zu weinen. Weil sie nicht nur zusehen musste, wie ihr Sohn in den Knast ging, sondern auch, weil sie es war, die die Polizei rief. „Er wollte Pitataschen zum Mittagessen und wollte dafür einkaufen gehen. Stattdessen ging ich einkaufen.“

Als sie vom Einkaufen zurückkommt, sind die Beamten schon im Haus. Er will fliehen, die Wege sind aber versperrt. In seiner Verzweiflung versteckt er sich in einem Schrank. Dann hört Kerstin nur noch „Wir haben ihn“. Als Felix in Handschellen an ihr vorbei abgeführt wird, würdigt er sie keines Blickes. Hat er sich verraten gefühlt in dem Moment? Kerstin schweigt bei dieser Frage. „Ich habe ihm später erzählt, dass ich mit der Polizei zusammengearbeitet habe. Ich hab‘ ihm immer gesagt, ich will nichts mit Drogen zu tun haben, ich möchte, dass mein Kind normal wird, kein Junkie. Aber ich hielt das nicht mehr aus, die ständige Polizei vor der Tür. Ich wusste, das knallt sowieso bald.“

Auch in diesem Stadtpark hält sich die lokale Dealerszene auf.

Auch in diesem Stadtpark hält sich die lokale Dealerszene auf.

Foto: Lisa-Martina Klein

Cannabis, Koks, Pillen

In den Jahren nach seiner Entlassung 2014 beginnt für Felix eine Odyssee. Überall, wo er hinzieht, zu seinem Vater, seiner Schwester, Freunden, hinterlässt er Dreck, zerbrochene Bierflaschen und Ärger. Schließlich kehrt er zurück zu Kerstin, die weiter für ihn kämpft. Sie meldet ihn bei der Berufsbildenden Schule an, doch es dauert nicht lang und er fliegt. Ein Praktikum als Hausmeister in Kerstins Pflegeeinrichtung schmeißt er hin, weil seine Freunde ihn deswegen auslachen. „Die haben gesagt, ‚warum arbeitest du dort für lau?‘ Das war Felix wohl peinlich.“

2017, mit 21 Jahren, erwartet er ein Kind mit seiner Freundin, die lange zu ihm hält, obwohl Felix bereits mehrfach verhaftet wurde und im offenen Vollzug ist. Kerstin baut langsam wieder eine Beziehung zu ihm auf, leise Hoffnung keimt auf. Wird durch das Baby jetzt alles besser? Doch 2018 eskaliert die Situation, die Beziehung geht in die Brüche. Kerstin verliert den Kontakt zu ihrem Enkelkind. Als Felix wieder bei Kerstin einzieht – der Vater will nichts mehr mit ihm zu tun haben – beginnt für sie der Terror von vorn, schlimmer denn je. Denn zu Cannabis waren im Laufe der Monate Koks, Pillen und der Alkohol gekommen.

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Nicht lange auf freiem Fuß

Bei einer Auseinandersetzung greift Felix seinen Kontrahenten mit einem illegalen Elektroschocker an und verstößt damit wieder gegen Bewährungsauflagen, wieder mal war er kurz vor Haftende auf freien Fuß gelassen worden. Wieder kooperiert Kerstin mit der Polizei, wieder muss sie zusehen, wie ihr Sohn von der Polizei in ihrem Haus festgenommen wird. Die zweite Verhaftung bringt Kerstin erneut an den Rand des seelischen Ruins. Um sich zu schützen, lässt sie Felix durch den Weißen Ring ein Kontaktverbot zukommen. „Als er das im Gefängnis in Bremervörde, wo er seine restlichen 41 Tage Haft absitzen musste, bekommen hatte, hat er wohl Rotz und Wasser geheult. Ich war doch immer noch seine Mutter. Aber ich konnte das alles einfach nicht mehr mitmachen“, blickt Kerstin zurück.

Sie packt seine restlichen Sachen zusammen und übergibt sie einem Anwalt. Dass Felix kurz nach seiner Entlassung direkt wieder beim Ladendiebstahl erwischt wird, dass er wieder einer Haftstrafe und anschließend zwei Jahren Zwangstherapie verurteilt wird, erfährt sie nur durch Zufall. Und fasst einen Entschluss. Sie kontaktiert die Gefängnisverwaltung in Vechta und bittet um ein Lebenszeichen von ihrem Sohn. Woher nimmt sie Kraft?

2. Kapitel

Der Kampf einer Mutter

Man sieht der 59-Jährigen – moderner Kurzhaarschnitt, gepflegte Haut – nicht an, dass sie raucht. Aber man sieht ihr die Last an, die sie mit sich herum trägt. Man sieht ihr an, dass da einmal eine Lebensfreude und Leichtigkeit war und jetzt nur noch eine große Sorge. Sie lacht kein einziges Mal, während sie ihre Geschichte erzählt, nur selten lächelt sie, meist dann, wenn es um Felix Kindheit geht. „Felix hat sich schon als Kind immer seine Decke über die Schultern gezogen und ist so durchs Haus gelaufen“, erzählt sie. Und lächelt. Auch am Tag der Festnahme hat er die Decke über den Schultern.

Nur in Nebensätzen lässt Kerstin durchblicken, wie es ihr selbst während der vergangenen zehn Jahre ging. Zu sehr stellt und stellte sie Felix in den Vordergrund, er nimmt fast den ganzen Raum ein. Dass sie selbst Zeiten hatte, in denen sie „einfach nicht mehr wollte, nicht mehr konnte“, nicht mehr lachte, nicht mehr schlief, das erwähnt sie mehr nebenbei.

Allein gelassen

Sie macht sich Vorwürfe, sucht die Schuld lange bei sich. „Ich musste ja arbeiten, war alleinerziehend. Aber ich habe immer dafür gesorgt, dass die Kinder nicht alleine waren, dass immer jemand da war. Ich habe aber lange nicht gemerkt, was da wirklich abging. Ich kannte die Anzeichen ja auch gar nicht. Wenn das Weiße in den Augen rot wird, diese Scheiß-egal-Einstellung…“

Womit sie am meisten zu kämpfen hat, ist das Gefühl, völlig alleingelassen zu werden in dem Kampf. Ihre Tochter zieht irgendwann aus und bekommt den Ernst der Lage lange nicht richtig mit. Der Vater kümmert sich gar nicht, kommt auch zu keinen Terminen beim Jugendamt. „Vielleicht hätte es gewirkt, wenn Felix gesehen hätte, wie wir beide für ihn am gleichen Strang gezogen hätten. Aber er kam nie, dem war sein Sohn völlig egal“.

Julia Hoffmann hat alle Unterlagen aufgehoben. Sie stapeln sich im Keller und dokumentieren die letzten 10 Jahre seiner kriminellen Geschichte.

Julia Hoffmann hat alle Unterlagen aufgehoben. Sie stapeln sich im Keller und dokumentieren die letzten 10 Jahre seiner kriminellen Geschichte.

Foto: Lisa-Martina Klein

Die Termine beim Jugendamt liegen weit auseinander, es dauert lange, bis überhaupt irgendwas passiert. Personalmangel. „Das Jugendamt wollte eher mich erziehen als den Jungen. Manchmal schickten sie Mitarbeiterinnen, die nur wenig älter waren als Felix. Wie soll sich so eine in seine Lage versetzen? Das hätte schneller gehen müssen, in so einem Fall muss man doch sofort richtig durchgreifen“, sagt Kerstin, und zuckt hilflos mit den Schultern. Stattdessen: bissige Kommentare. „Als sich Felix eines Tages in Rage vom Balkon geworfen hat, sagte der Bereitschaftsdienst vom Jugendamt ‚komisch, bei Ihnen ist das immer am Wochenende‘. Glauben die, ich such mir das aus?“ Solche Situationen verdeutlichen Kerstin immer wieder, wie allein sie ist. Nur ein Mitarbeiter des Jugendamtes hört ihr zu, fährt mit Kerstin zu Felix ins Gefängnis, redet mit Felix. „Der hat schon viel gemacht. Aber irgendwo sind auch ihm die Hände gebunden.“

Angst und Panikattacken

Hilfsangebote bekommt sie nicht vom Jugendamt, sondern sie kümmert sich selbst darum, jeden Tag aufs Neue. Ihr Hausarzt überweist Felix ans Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover. Sofort klemmt sie sich hinter seine Einweisung, nimmt sich den Tag frei, packt Felix ins Auto und will mit ihm mit dem Zug nach Hannover fahren. Noch am Bahnhof haut Felix ab, will nicht in die Klinik.

Die Polizei steht dafür in immer kürzeren Abständen vor der Tür. Kerstin kooperiert immer, aber das hilft nicht viel, denn auch die Polizei kann nicht mehr tun, als Felix immer wieder einzufangen und bei ihr abzugeben. „Solange ich mit der Polizei kooperiert habe, war alles gut. Aber sonst war ich denen egal, man wird oft behandelt, als wäre man selbst Dealer oder Taugenichts, asozial.“ Den Freunden von Felix erteilt sie durch die Polizei Hausverbot, hilft dabei, dass einer von ihnen in den Knast geht.

Sicher fühlt sie sich trotzdem nicht in ihrem eigenen Haus. Kerstins Leben ist von Angst und Panikattacken bestimmt. Bei jedem Geräusch zuckt sie zusammen, kann oft nächtelang nicht schlafen. „Es gab Momente, da wollte ich nicht mehr“, sagt sie. Zweimal geht sie in Kur, holt sich therapeutische Hilfe. Einkaufen geht sie nur noch spät abends, um den Blicken der Nachbarn aus dem Weg zu gehen. Dort wird sie automatisch als „assi“ abgestempelt.

Die Jugendämter, die Polizei, die Gerichte, dieses System hat in diesem Fall völlig versagt, sagt Kerstin. Sie hätte sich gewünscht, dass das Jugendamt mehr für Felix getan hätte, eine Klinik oder eine Therapie gefunden hätte. Aber immer wieder fällt der Satz, „der Abhängige muss sich selbst für die Therapie entscheiden“, wie eine Begründung dafür, dass nichts mehr für ihn getan werden kann. „Und das weiß ich auch. Aber als Mutter will man dem eigenen Kind helfen, das man als Baby im Arm gehabt hat, dem will man ums Verrecken einfach nur helfen. Und man dreht durch, wenn man da nicht weiter kommt.“ Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass Kerstin, trotz des von ihr verhängten Kontaktverbotes, wieder Kontakt zu Felix aufnimmt, als dieser erneut in Haft sitzt.

3. Kapitel

Die Zukunft

Aus dem Gefängnis in Vechta ruft Felix 2018 seine Mutter an. „Er wollte meine Stimme hören. Er ist trotz allem immer noch auf mich fixiert gewesen, ich bin doch seine Mama“, sagt Kerstin. Er hat gerade seinen Entzug hinter sich, wird langsam clean. Seit August 2020 ist er in Lüneburg in der Zwangstherapie. Vorsichtig arbeiten die beiden seitdem wieder an einer Beziehung. „Wir telefonieren regelmäßig. Und er wird zuverlässiger, ruft zu den vereinbarten Zeiten an. Das ist ein großer Schritt in Richtung Vertrauen für mich.“

Hoffnung keimt auf: Felix schickt seiner Mutter eine Muttertagskarte. Erst in den letzten Jahren baut sich wieder ein Kontakt auf.

Hoffnung keimt auf: Felix schickt seiner Mutter eine Muttertagskarte. Erst in den letzten Jahren baut sich wieder ein Kontakt auf.

Foto: Lisa-Martina Klein

Wie fragil alles ist, zeigt sich bereits im September, Felix hat einen Rückfall „Ich habe an seiner Stimme gemerkt, dass was nicht stimmt. Ich hab immer wieder gefragt, ob alles ok ist. Bis er mir dann irgendwann von der Pille erzählt hat. Ich hab ihm gesagt, er muss diesen Mist lassen, mit den Betreuern dort sprechen und das in den Griff kriegen. Wo er die Pille her hat, wird er nie sagen. Aber ich finde es gut, dass er langsam anfängt, über solche Dinge mit mir zu sprechen. Normalerweise kommt er mit solchen Problemen nicht klar“, sagt Kerstin. Beziehung wächst nur langsamWar die Flucht in die Drogen vielleicht sein Weg, mit Problemen umzugehen? Kerstin weiß es nicht. Sie kann sich nicht erklären, warum ihr Sohn, ihr Felix, in die Drogen abrutschte. Viel hatte mit seinen falschen Freunden zu tun, so viel weiß sie.

Heute sagt Felix, dass es gut ist, dass er in Therapie ist. Aber es war ein langer Weg dahin. Und es liegt noch ein langer Weg vor ihm. Denn die Drogenabhängigkeit hat seine Familien komplett auseinander gerissen. Seinen eigenen Sohn kennt er kaum. Erst seit Kurzem bringt er es über sich, sich Bilder und Videos von dem Dreijährigen anzusehen. Zu seinem eigenen Vater will er keinen Kontakt mehr. „Er sagt, ihm reicht die Beziehung zu mir und seiner Schwester“, sagt Kerstin.

Auch wenn das schöne Worte sind: Kerstin baut nur langsam, kontrolliert, wieder eine Beziehung zu Felix auf. Zu oft missbrauchte er ihr Vertrauen, hielt sich nicht an Absprachen, machte leere Versprechungen. Auch wenn langsam eine Besserung in Sicht ist, ganz werden die Folgen weder Kerstin noch Felix loslassen. Sie hat ihre Leichtigkeit verloren, muss ihren Alltag höchst strukturiert angehen, kann die Kontrolle nicht abgeben, er ist praktisch insolvent. Wenn Felix aus der Therapie kommt und tatsächlich clean bleibt, liegt noch ein weiter Weg vor ihm zu einem normalen Leben. Kerstin wird ihren Sohn auf seinem Weg unterstützen. „Ich kann ihn nicht einfach aufgeben, konnte ich nie.“

Lisa-Martina Klein

Autorin

Geboren und aufgewachsen ist Lisa-Martina Klein im Allgäu in Süddeutschland. Über Stationen im In- und Ausland hat sie sich in den Norden Deutschlands gearbeitet. Nach dem Bachelor in Anglophone Studies in Marburg und dem Master in Technischer Redaktion und Multimedialer Dokumentation in Gießen hätte sich die Channel Managerin einen Jobtitel mit weniger Erklärungsbedarf gewünscht. Ist aber ansonsten glücklich hier.

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