Meinung & Analyse

Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg

Friede - die Sehnsucht nach Frieden ist groß, gerade zu Weihnachten ist Unfriede schwer erträglich. Doch der Wunsch nach Frieden ist ein hohler Wunsch, wenn es nicht ein gerechter Frieden ist. Ein Kommentar von Christoph Willenbrink.

Luftballons in Herzform in den Farben der Ukraine.

Luftballons in Herzform in den Farben der Ukraine.

Foto: dpa

2022 ist für die meisten Menschen in Deutschland der abstrakte Begriff vom Krieg erstmals wirkliches Leben geworden - nicht hautnah, aber doch bedrohlich nah. Nur die Älteren unter uns erinnern sich unmittelbar daran. Mehrere Generationen durften sich in der Sicherheit wähnen „Nie wieder Krieg“, zumindest bei uns.

Und so scheint der Wunsch danach, dass endlich Friede herrscht in der Ukraine und alles wieder so wird, wie es vorher war, fast übermächtig zu sein. Dabei zahlen wir alle nur einen vergleichbar kleinen Preis. Wir müssen uns einschränken, fragen uns, können wir uns das noch leisten oder müssen wir gar Hilfe vom Sozialamt suchen, um im weiterhin übervollen Supermarkt noch einkaufen zu können. Das alles ist nichts im Vergleich zu Tod und Verwüstung in der Ukraine.

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, heißt es in der biblischen Weihnachtsgeschichte. Die Gräuel von Butscha und Irpin, der Raketenterror auf Schulen, Wohnhäuser und die Energieversorgung sind das genaue Gegenteil davon und dürfen nicht vergessen werden, wenn man den Wunsch nach Frieden äußert. Genauso wenig die Vorgeschichte, denn der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat nicht erst am 24. Februar begonnen. Schon vorher, seit genau acht Jahren, sorgten russische Truppen auf Befehl von Wladimir Putin für Tod, Angst und Schrecken und raubten sich Land, was selbst durch noch so große Geschichtsklitterung nichts mehr mit dem heutigen Russland zu tun hat.

Und auch die Mär, dass Russland von unterdrückten Minderheiten zur Hilfe gerufen worden sei, ist nichts anderes als ein Stück aus dem Lügenbuch der Rechtfertigung von Kriegen.

Es geht um Macht, es geht um Geld, denn auch jetzt profitieren russische Eliten noch vom Kriegsterror. Und es geht vor allem um den Selbsterhalt eines diktatorischen Systems, dem ein demokratisch ausgerichtetes, zwar längst nicht perfektes Land im eigenen Vorgarten zeigte, dass der russische Weg eine Sackgasse ist und Freiheit im Geiste und Tun zwar nicht immer einfach, aber einfach der Weg der Zukunft ist.

Dies mit Raketen, Panzern und Gewehren zu unterdrücken, gar wegzubomben ist das eigentliche Ziel Putins. Und damit zielt er nicht nur auf die Ukraine, sondern auf den gesamten Westen. Denn die Destabilisierung unseres Wertesystems durch die Taktiken der Geheimdienste und psychologische Kriegsführung stehen genauso weit oben auf der Agenda. Deshalb ist es längst auch unser Krieg, sind wir längst Kriegspartei und der Glaube, dass wir uns dem entziehen können, in dem wir von überfälligen Friedensverhandlungen reden, ist ein Irrglaube. Putin könnte mit einem Federstrich Frieden schaffen, indem er den Rückzug mindestens in die Grenzen von vor dem 24. Februar anordnet. Aber Russland kann und will gar verhandeln, denn bisher hat es das Gegenteil des eigenen Kriegsziels in der Ukraine wie auch im Westen erreicht.

Die Menschen in der Ukraine mit ihrem unbändigen Willen, sich zu verteidigen und ihren Anspruch, ein Leben in Freiheit zu haben, sind es, die den Takt vorgeben. Sie haben es verdient zu sagen, wann Frieden einkehren kann. Dabei können wir sie unterstützen, mit Waffen und Moral. Aber nicht mit Kleinmut und Wohlstandsängsten.

Diesen Sieg dürfen wir Putin selbst in größter weihnachtlicher Friedenssehnsucht nicht gewähren. Denn es wäre der Beweis für die These des Diktators, dass der Westen verweichlicht und dekadent ist und damit schon jetzt das nächste Opfer wäre.

Christoph Willenbrink

Stellvertretender Chefredakteur

Christoph Willenbrink ist stellv. Chefredakteur und sein Hauptaugenmerk liegt auf Politik und Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Sozialversicherungen und Verbraucher. Ihn leitet dabei immer die Frage, was hat dies mit dem Alltag der Menschen zu tun und wer führt da was im Schilde.

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