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Provinz-Film im Kino: „Was man von hier aus sehen kann“

Der Roman „Was man von hier aus sehen kann“ kam 2017 als Bestseller aus dem Nichts. Mariana Leky setzte der deutschen Provinz ein liebevolles Denkmal. Jetzt kommt die Verfilmung ins Kino.

Von Christof Bock, dpa
26. Dezember 2022
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Die Verfilmung des Romans „Was man von hier aus sehen kann“ kommt in die Kinos.

Die Verfilmung des Romans „Was man von hier aus sehen kann“ kommt in die Kinos.

Foto: Walter Wehner/Studiocanal GmbH/dpa

Wissen Sie, wie ein Okapi aussieht? Diese seltsam unförmige Waldgiraffe, die wirkt, als sei sie aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt? Nein? Seien Sie froh. Denn ein Okapi, das im Traum erscheint, bringt jemandem im Dorf den Tod. Zumindest bei Großmutter Selma (Corinna Harfouch) mit Bestimmtheit. Das Schicksal macht nie Ausnahmen, es lässt sich höchstens Zeit.

Der verfluchte, wiederkehrende Traum vom Okapi ist Herzstück von Mariana Lekys Erfolgsroman „Was man von hier aus sehen kann“ von 2017. Eine Liebeserklärung an die deutsche Provinz - lebensklug, unterhaltsam, warmherzig. Die fünf Jahre, die bis zur Verfilmung vergangen sind, haben sich gelohnt. Regisseur Aron Lehmann („Das schönste Mädchen der Welt“) hat eine famose Umsetzung inszeniert, die dem Buch sehr nahe kommt.

Luise (als Kind Ava Petsch, als Erwachsene Luna Wedler) wächst in den 1980er Jahren in der Tristesse eines Dorfes im Westerwald auf. Sie und ihr bester Freund Martin (Cosmo Taut) haben es als Kinder beide nicht leicht. Martin leidet unter seinem Vater, einem cholerischen Schläger und Trinker. Luise wiederum leidet unter der zerbrechenden Ehe ihrer Eltern, die sich für ihre Tochter kaum interessieren.

Wärme und Allgemeinbildung erhalten die zwei nur bei Großmutter Selma und ihrem heimlichen Verehrer, dem Optiker, dessen Name nie genannt wird und der durch böse innere Stimmen zur Schüchternheit verdammt ist. Dennoch ist es ein behütetes Umfeld zwischen Wäldern, Äckern und Hochspannungsmasten, bis eine Katastrophe Luises Kindheit beendet. Erst Jahre später scheint sie endlich ihr großes Glück zu finden.

Karl Markovics als heimlicher Star

Der heimliche Star dieses Heimatfilms mit Hirn und Herz ist Karl Markovics als „der Optiker“. Der Wiener Theaterstar fügt sich perfekt in eine ausgezeichnet gecastete Dorfgemeinschaft ein, deren Charme oft aus kauziger Miesepetrigkeit erwächst - wie halt häufig auch im echten Leben. Im Zentrum: Luise, die seit dem Schock als Kind nicht mehr wagt, Fremden in die Augen zu blicken. Und doch versucht sie, zwischen all den Verrückten ein normales Leben zu führen. Schließlich läuft ihr an diesem Ende der Welt sogar der Mann fürs Leben über den Weg. Doch er ist Buddhist - zur Ausbildung geht er ins ferne Japan.

„Was man von hier aus sehen kann“ ist eine wunderbare, tragikomische Hochglanzproduktion, in der sich viele Kinder der 1970er und 1980er Jahre wiederfinden werden. Die liebevolle Ausstattung zieht einen tief hinein ins Nachkriegswestdeutschland, in dem noch tuckernde rote Schienenbusse mit Stoffvorhängen die Dorfbahnhöfe mit der Zivilisation verbanden. Als in vielen Küchen noch Glühbirnen in korbgeflochtenen Lampenschirmen brannten und Prilblumen über der Spüle klebten. Doch dieses Dorf ist keine Idylle aus dem Bilderbuch: Bei der chronisch schlecht gelaunten Dörflerin Marlies (Rosalie Thomass) klebt noch das verspritzte Blut vom letzten Suizid in der Familie an der Wand. Überhaupt gewinnt das Thema Tod in der Filmversion viel Raum. Der Tod ist es dann auch, der am Ende alle dazu bringt, Gefühle zu gestehen.

Was man von hier aus sehen kann, Deutschland 2022, 109 Minuten, FSK ab 12, von Aron Lehmann, mit Corinna Harfouch, Luna Wedler, Karl Markovics, Cosmo Taut, Katja Studt u.v.a.

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