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Zugfunk gestört: Bahnchaos lässt Reisende im Norden stranden

Ausgerechnet zum Start ins Wochenende werden unzählige Bahnreisende am Samstag ausgebremst. Eine Störung legt den gesamten Fern- und teils auch den Regionalverkehr im Norden Deutschlands lahm. Nach Bahn-Angaben betraf die Panne eine „unverzichtbare“ Technik.

Von Michael Kieffer und Thomas Strünkelnberg, dpa
8. Oktober 2022
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Reisende warten auf ihre Züge im Hauptbahnhof Hannover.

Reisende warten auf ihre Züge im Hauptbahnhof Hannover.

Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Über Stunden geht nichts mehr auf den meisten Schienen im Norden: Sabotage an Kabeln und eine technische Störung des Zugfunks haben ein Chaos bei der Bahn ausgelöst - und vielen Reisenden den Start ins Wochenende vermasselt. Betroffen waren am Samstag der Fern- und teils auch der Regionalverkehr der Deutschen Bahn in weiten Teilen Norddeutschlands. Im Laufe des Vormittags meldete die Bahn dann, dass die Störung behoben sei, es aber weiter zu Beeinträchtigungen kommen könne. Auch andere Bahnunternehmen meldeten massive Störungen.

Unzählige Fahrgäste strandeten an den großen Bahnhöfen wie Hannover, Hamburg und Berlin. An Auskunftsschaltern bildeten sich lange Warteschlangen, während an den großen Anzeigetafeln in den Bahnhofshallen entweder pure Leere herrschte oder über „unbestimmt verspätete“ Züge oder Komplettausfälle informiert wurde.

Am Bahnknotenpunkt Hannover, an dem sich wichtige Nord-Süd- und Ost-West-Verbindungen der Bahn treffen, bewahrten die wartenden Bahnreisenden weitgehend Ruhe, wie ein dpa-Reporter berichtete. Viele von ihnen hätten zwar kopfschüttelnd vor der großen Anzeigetafel, die über die Zugausfälle informierte, gestanden. Aber eine aggressive Stimmung habe nicht geherrscht.

Später habe die Bahn beginnen wollen, Kaffee und Tee an die Wartenden zu verteilen. Draußen hätten sich am Taxistand Grüppchen gebildet und versucht, sich in kleinen Fahrgemeinschaften per Taxi in die nächste Großstadt durchzuschlagen.

Auch bei der Nordwestbahn ging wegen der Störung zwischenzeitlich nichts mehr. „Wir fahren auf einem Großteil der Strecken im Moment nicht“, sagte eine Sprecherin des Bahnunternehmens am Samstagmorgen - vor Behebung der Störung. Das gesamte Weser-Ems-Netz war zwischenzeitlich betroffen, außerdem die Regio-S-Bahn und Teile Ostwestfalens. Alle Verbindungen nach Niedersachsen standen den Angaben zufolge über Stunden still. Einzelne Ersatzverkehre sollten organisiert werden, etwa auf der Linie RS1 zwischen Verden und Bremen Hauptbahnhof sollten Busse eingesetzt werden.

Auch die S-Bahn Hannover war betroffen, alle Züge standen stundenlang still, wie ein Sprecher sagte. Die Regionalzüge von Metronom, Enno und Erixx fielen ebenfalls aus. Nach Behebung der Störung mussten Zugreisende noch mit Verspätungen rechnen.

Die heftigen Probleme seien auf eine Störung des digitalen Zugfunks GSM-R (Global System for Mobile Communications - Rail) zurückzuführen, erklärte eine Bahn-Sprecherin. „Er dient der Kommunikation zwischen den Leitstellen, die den Zugverkehr steuern, und den Zügen und ist damit unverzichtbarer Bestandteil für den reibungslosen Zugverkehr.“ Ursache der Störung war nach Angaben der Bahn Sabotage: „Aufgrund von Sabotage an Kabeln, die für den Zugverkehr unverzichtbar sind, musste die Deutsche Bahn den Zugverkehr im Norden heute Vormittag für knapp drei Stunden einstellen“, sagte eine Sprecherin. Die zuständigen Sicherheitsbehörden hätten die Ermittlungen aufgenommen.

Am Morgen hatte die Hiobsbotschaft gelautet: „Es gibt derzeit keine Reisemöglichkeiten mit dem Fernverkehr von/nach Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen in/aus Richtung Kassel-Wilhelmshöhe, Berlin und NRW.“ Konkret war beispielsweise der gesamte ICE-Verkehr zwischen Berlin, Hannover und Nordrhein-Westfalen eingestellt, wie die Bahn in ihrem Internetauftritt mitgeteilt hatte.

Auch internationale Verbindungen waren betroffen. So fuhren IC-Züge zwischen Berlin und Amsterdam gar nicht. IC-Züge von Kopenhagen endeten an der dänisch-deutschen Grenze in Padborg. Stillstand herrschte teils auch bei Regionalzügen - so bei RE- und RB-Verbindungen in Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein, wie die Bahn mitteilte.

Als Alternative schlug das Unternehmen Reisenden zwischen Berlin und Köln sowie zwischen Berlin und Baden-Württemberg und der Schweiz vor, Verbindungen des Fernverkehrs mit Umstieg in Erfurt und Frankfurt am Main zu nutzen. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die noch verkehrenden Züge teilweise ein sehr hohes Reisendenaufkommen zu verzeichnen haben“, hieß es.

Viele Reisende, die etwa von Berlin nach Nordrhein-Westfalen fahren wollten, folgten der Empfehlung der Bahn und nahmen den Umweg mit Umstieg in Frankfurt auf sich. Die Folge waren völlig überfüllte Züge, wie ein dpa-Reporter aus dem ICE 934 auf der Fahrt nach Frankfurt berichtete. „Kein Durchkommen in den Gängen, weil alles mit sitzenden oder dort stehenden Fahrgästen blockiert ist“, erzählte er.

Die Bahn empfahl ihren Reisenden, sich kurz vor geplanten Fahrten über www.bahn.de/reiseauskunft, über die App „DB Navigator“ oder telefonisch unter 030/2970 zu informieren. Außerdem versprach die Bahn eine Sonderkulanz: Alle Fahrgäste, die ihre für den 8. Oktober geplante Reise wegen der Zugfunkstörung verschoben haben, können ihr bereits gebuchtes Ticket für den Fernverkehr innerhalb der nächsten sieben Tage flexibel nutzen, wie es hieß. „Zudem gelten bei Verspätung oder Zugausfall die allgemeinen Fahrgastrechte.“

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