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Mythen aus weiblicher Sicht erzählt

Der Mythos bietet viel Raum für Neues. Jüngst nehmen sich Autorinnen dieser Stoffe vermehrt aus weiblicher Sicht an. Das gab es zwar schon in der Antike - und doch ist etwas daran anders.

Von Sebastian Fischer, dpa
3. Dezember 2022
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Die Altphilologin Katharina Wesselmann hat in ihrer Monografie „Die abgetrennte Zunge“ antike Texte mit Blick auf Männer- und Frauenbilder analysiert.

Die Altphilologin Katharina Wesselmann hat in ihrer Monografie „Die abgetrennte Zunge“ antike Texte mit Blick auf Männer- und Frauenbilder analysiert.

Foto: -/Raphaël Bouvier/dpa

Es sind meist die Mythen der großen Helden, die von der Antike bis heute erzählt werden: der Zorn des Achilles, die Irrfahrten des Odysseus, die Abenteuer des Aeneas, der Wagemut des Theseus oder die Grausamkeiten des Agamemnon. Für Frauen sind damals häufig nur nebengeordnete Rollen vorgesehen: Penelope wartet auf Ithaka sehnsüchtig und webend auf die Rückkehr von Odysseus, in Mykene heckt Klytämnestra ihren Mordplan gegen ihren Ehemann Agamemnon aus.

Doch jüngst ist ein Trend zu beobachten, bei dem Autorinnen weiblichen Figuren mehr Platz einräumen und deren Storys ins Zentrum rücken. Im Zuge einer generellen Mythologie-Renaissance bekommen zuletzt die jahrtausendealten Sagen ein vielleicht ungewohntes, weil weiblicheres Gesicht: Homers „Odyssee“ wird von Zauberin Kirke erzählt („Ich bin Circe“ von Madeline Miller), die Minotaurus-Sage von der kretischen Prinzessin („Ariadne“ von Jennifer Saint) oder der Trojanische Krieg etwa von Sklavin Briseis („Die Stimme der Frauen“ von Pat Barker).

Feministisch betrachtet

Das Phänomen, weibliche Figuren zur Protagonistin zu machen, ist allerdings bei Weitem nicht neu. Im deutschen Sprachraum etwa hat Christa Wolf vor Jahrzehnten die Geschichten um die trojanische Seherin Kassandra oder die von Jason betrogene Medea feministisch betrachtet. Die Kanadierin Margaret Atwood wiederum hat in ihrer „Penelopiade“ der Frau, die meist wohl nur als Gattin des Odysseus im Gedächtnis ist, eine eigenständige Herkunft herausgearbeitet.

„Dass es nun wirklich Frauen in dieser Dichte sind, die die Mythen erzählen, das ist wahrscheinlich in der Weltgeschichte noch nicht da gewesen“, sagt Altphilologin Katharina Wesselmann über den aktuellen Trend. Die Kieler Professorin hat zuletzt in ihrer Monografie „Die abgetrennte Zunge“ antike Texte mit Blick auf Männer- und Frauenbilder analysiert. Aktuell gebe es eine ganze Reihe sehr erfolgreicher Autorinnen aus dem angloamerikanischen Raum, sagt sie.

In ihrem neuen Roman „Elektra“ etwa macht Jennifer Saint die Tochter Agamemnons und Klytämnestras zur Hauptfigur. Der griechische König hatte seine ältere Tochter Iphigenie den Göttern geopfert und war nach der Rückkehr aus Troja von seiner Frau hinterrücks geschlachtet worden. Anders als in den meisten antiken Texten, die Klytämnestra als gnadenlose Rächerin darstellen, gibt die britische Autorin einen tieferen Eindruck in die Beweggründe für den Mord am Ehemann.

Stephen Fry stellt Frauenbild bei Ovid infrage

Dass homerische Nebenfiguren zentral werden, gab es schon im Altertum. Der römische Dichter Ovid erzählt in seinen „Metamorphosen“ die Motive der „Ilias“ über Nebencharaktere. In seinen „Heroides“ wiederum lässt er mythische Frauen fiktive Briefe an ihre berühmten Männer schreiben - Briseis an den Troja-Helden Achilles oder Karthagos Königin Dido an Roms Stammvater Aeneas. Die Frauen seien bei Ovid als „teilweise raffiniert, kokett und die großen Verführerinnen“ dargestellt, so Wesselmann. Das erinnere zuweilen an sexistische Erzählweisen von heute: das Stereotyp der Femme fatale.

Genau darin sieht die Wissenschaftlerin den Unterschied von heute zu damals: „dass über die Frauenfiguren anders und moderner geschrieben wird“, sagt sie. Und das sowohl von Autorinnen als auch von Autoren.

Da ist zum Beispiel der Brite Stephen Fry, der in seiner jüngst abgeschlossenen Mythen-Trilogie („Mythos“, „Helden“ und „Troja“) immer wieder das elegische Frauenbild bei Ovid infrage stellt. In der Serie „Troja“ wiederum spielen weibliche und nicht-weiße Charaktere eine größere Rolle. Und im Mai soll der Roman „Orphia and Eurydicius“ von Elyse John (eigentlich E.J. Beaton) erscheinen, in dem die Geschlechter des begnadeten Sängers Orpheus und seiner an die Unterwelt verlorenen Geliebten Eurydike vertauscht sind.

Macht und Kontrolle

In ihrer gerade auf Deutsch erschienenen Erzählung „Galatea“ greift Madeline Miller die Sage um Pygmalion auf, der sich in eine Statue verliebt, die von der Liebesgöttin Aphrodite aus Mitleid zum Leben erweckt wird. In dieser modernen Adaption versucht die Protagonistin, die bei Ovid noch namenlos ist, der gewalttätigen Überwachung durch den (nun bei Miller namenlosen) Ehemann zu entkommen. Es geht um Macht und Kontrolle. Die MeToo-Debatte aus dem angelsächsischen Raum hat also längst die alten Stoffe erreicht.

Dem möglichen Vorwurf, die Sagen würden verfälscht, tritt Wesselmann entgegen: „Antik ist echt, und neu ist erfunden - das ist natürlich Quatsch“, sagt sie. Der Mythos gibt seit jeher lediglich die Eckdaten vor. Und so entstehen Geschichten, die heute noch so aktuell erzählt werden können wie vor Jahrtausenden.

- Jennifer Saint: Elektra, die hell Leuchtende, List Verlag, 368 S., 24,99 Euro, ISBN: 9783471360262 - Madeline Miller: Galatea, Eisele Verlag, 80 S., 20,00 Euro, ISBN: 9783961611416

- Katharina Wesselmann: Die abgetrennte Zunge, Verlag wbg Theiss (2021), 224 S., 22,00 Euro, ISBN: 9783806243420

- Madeline Miller: Galatea, Eisele Verlag, 80 S., 20,00 Euro, ISBN: 9783961611416

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