Politik

Ex-Mönch heiratet Mann: Alt-Katholiken als Alternative?

Die katholische Kirche ringt um einen moderneren Umgang mit queeren Gläubigen. „Regenbogenpastoral“ ist auch im Münchner Erzbistum eine Antwort darauf. Ein Ex-Mönch will aber nicht warten.

Von Britta Schultejans und Elke Richter, dpa
8. Oktober 2022
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Ex-Mönch Anselm Bilgri (r) heiratet seinen Mann Markus Bilgri kirchlich in der alt-katholischen Kirche St. Willibrord.

Ex-Mönch Anselm Bilgri (r) heiratet seinen Mann Markus Bilgri kirchlich in der alt-katholischen Kirche St. Willibrord.

Foto: Uwe Lein/dpa

Es ist eine Szene, die in seiner früheren geistlichen Heimat noch immer undenkbar ist: Der frühere Benediktinermönch Anselm Bilgri lässt sich in einer katholischen Kirche von seinem Mann Markus den Ehering an den Finger stecken. Der Priester gratuliert in vollem Ornat, als er die beiden Männer am Samstag in der Münchner Kirche St. Willibrord vermählt. Eine Zeremonie, die Bilgri sehr viel bedeutet, wie der 68-Jährige hinterher vor der Kirchentür sagt.

Gottes Segen habe er sich ganz besonders auch für die Zeit erbeten, in der es vielleicht „manchmal eher abwärts geht als aufwärts“. Sein Mann Markus sagte, er sei noch nervöser gewesen als vor der standesamtlichen Hochzeit - und fühle sich nun „ganz beseelt und ganz glücklich“.

Dabei war dieses Happy End lange undenkbar. Der ehemalige Prior des Klosters Andechs war jahrzehntelang dem römisch-katholischen Zölibat verpflichtet. Doch Ende 2020 trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus und fand eine neue geistliche Heimat bei den Alt-Katholiken. „Ich wollte in einer Kirche sein, in der ich mit meinem Mann verheiratet sein kann“, hatte Bilgri, der einst vom späteren Papst Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, seinen Übertritt damals unter anderem begründet.

Denn bei den Alt-Katholiken ist selbst die gleichgeschlechtliche Ehe kein Problem mehr. Die römisch-katholische Kirche dagegen ringt seit Jahren um einen modernen Umgang mit queeren Gläubigen, lässt noch nicht einmal Segensfeiern für homosexuelle Paare offiziell zu - und frustriert so immer wieder liberale Gläubige.

Da wird alt-katholische Kirche für einige zur echten Alternative: Zweites prominentes Beispiel neben Bilgri ist der ehemalige Generalvikar des Bistums Speyer, Andreas Sturm, der seinen Übertritt zu den Alt-Katholiken im Sommer in einem Buch „Ich muss raus aus dieser Kirche“ verarbeitete.

Kirchenbeitritte

Tatsächlich sind schon im vergangenen Jahr doppelt so viele Menschen der alt-katholischen Kirche beigetreten wie 2020 - wenn sich das Ganze auch noch auf sehr niedrigem Niveau bewegt. 386 Menschen traten 2021 ein, zum Stichtag 31. Dezember lag die Mitgliederzahl seinen Angaben zufolge insgesamt bei 14.923. „Wir wachsen“, heißt es aus dem Bistum der Alt-Katholiken. Was für ein Satz für eine katholische Kirche in diesen Zeiten. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kehrten 359.338 Gläubige der römisch-katholischen Kirche den Rücken. Das waren noch fast 86.600 mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019.

Und auch wenn die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) inzwischen - angetrieben von der Initiative „Out in Church“ - an einem neuen Arbeitsrecht für queere Mitarbeiter arbeitet und die schlagzeilenträchtigen Segensfeiern für Homosexuelle im Rahmen der Aktion „Liebe gewinnt“ für die beteiligten Priester offenbar ohne Sanktionen blieb: An der offiziellen Linie der Kirche hat sich nichts geändert. Im März 2021 stellte die Glaubenskongregation des Vatikans klar, dass es „nicht erlaubt“ sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen, da solche Verbindungen „nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden“ könnten.

Erst im September scheiterte ein grundlegender Text zur kirchlichen Sexualmoral bei der Abstimmung im Rahmen des deutschen Reformprozesses „Synodaler Weg“ an der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe. Der Text, der eine Liberalisierung der kirchlichen Sexualmoral anstrebte, stieß zwar in der allgemeinen Abstimmung auf 82 Prozent Zustimmung. Aber nur 33 Bischöfe stimmten für den Text bei 21 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen. Ein Schlag ins Gesicht all derer, die auf ein starkes Reformsignal hofften.

Anders die Alt-Katholiken

Schon 1996 wurden nach Angaben des in Bonn ansässigen Bistums in Deutschland die ersten beiden Frauen zu Priesterinnen geweiht. Geschiedene und Wiederverheiratete sind - anders als in der römisch-katholischen Kirche - nicht von der Kommunion ausgeschlossen, es gibt keinen Zölibat, dafür aber flache Hierarchien und eine demokratische Struktur. Das ist im Grunde all das, worum die römisch-katholische Kirche derzeit im Reformprozess Synodaler Weg zäh ringt, das drohende, finale Nein aus Rom zu allem immer vor Augen.

„Es ist gut, dass die altkatholische Kirche wie auch protestantische Kirchen auf diesem Weg der römisch-katholischen Kirche voraus sind“, sagt Christian Weisner von der Reformbewegung „Wir sind Kirche“. „Für Einzelne mag der Wechsel zur altkatholischen Kirche eine Lösung sein.“ Ihm und seiner Initiative sei es aber wichtig, „falsche Theologien und Traditionen sowie das Unrechtssystem innerhalb der katholischen Weltkirche zu verändern.“ Er betont: „Das ist mühsam.“

Dass sich trotz der starren und so unveränderlich scheinenden Strukturen vor Ort in den einzelnen Gemeinden etwas ändern kann, zeigt allerdings ein kleiner Trend in den römisch-katholischen Bistümern in Deutschland, der sich „Regenbogenpastoral“ nennt und sich auf die Seelsorge für queere Gläubige spezialisiert. In etwa der Hälfte der 27 Bistümer gibt es das inzwischen, schätzt „Wir sind Kirche“ - und auch das Erzbistum München hat nun ein solches Projekt.

„Es muss sich ja auch die Praxis verändern und die Praxis hat wahnsinnig viele Handlungsfelder“, sagt der Projektleiter Michael Brinkschröder, Mitglied der Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK), der viel Hoffnung setzt in dieses auf zwei Jahre angelegtes Projekt. Der offizielle Startschuss soll am Sonntagabend mit einem Gottesdienst in München fallen. Dann sind Ex-Mönch Bilgri und sein Mann schon einen Tag kirchlich verheiratet.

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