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Der Katastrophe knapp entronnen


Kleinensiel. „So etwas Schreckliches habe ich noch nie erlebt“, sagt der 27-jährige Nils Eisenhauer aus Kleinensiel. Körperlich unversehrt sind er und seine Freunde von der Loveparade in Duisburg zurückgekehrt, bei der es 19 Tote und 342 Verletzte gab. Sie haben Glück gehabt. Sie standen lediglich 50 Meter vor dem überfüllten Tunnel, dem zentralen Zugang zum Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof, als sich das Unglück ereignete. Von Uwe Stratmann


Ab 12 Uhr am Sonnabend war Nils Eisenhauer mit seinen Freunden Oliver van Endt, Jörg Blohm, Alexander Trigg und Torben Kathmann in der Duisburger Innenstadt. „Da schon gab es die erste Absperrung, aber die Menschen drängten von hinten nach“, berichtet der Kleinensieler. Weil sie die lange Anreise mit einem Kleinbus auf sich genommen hatten, versuchten sie, über andere Wege zum Veranstaltungsgelände zu kommen. Das gelang ihnen. Doch rund 50 Meter vor dem Tunnel war ihnen der Weg durch eine weitere Absperrung versperrt.

Nichts geht mehr

„Man hat gut sehen können, dass der Tunnel voll mit Leuten war“, sagt Nils Eisenhauer. „Da ging nach vorne und nach hinten nichts mehr.“ Schon beim Anblick dieses Nadelöhrs habe er ein beklemmendes Gefühl gehabt. Auch seine Freunde hätten die Sorge gehabt, in diesem dunklen Tunnel mit seiner niedrigen Decke wegen der Menschenmassen eventuell Platzangst bekommen zu können.

Doch vor der Absperrung herrschte Stillstand. Nils Eisenhauer stand mit seinen Kumpeln wohl zwei Stunden davor. „Die Stimmung war aggressiv“, berichtet er. „Die Leute wollten aufs Veranstaltungsgelände und drängten.“ Die Ordnungskräfte an der Absperrung kamen schon lange nicht mehr klar. „Das waren keine Securities, sondern offensichtlich unerfahrene Studenten, die sich an diesem Nachmittag einige Euro verdienen wollten“, vermutet der Kleinensieler. Sie seien völlig überfordert gewesen. Entsprechend sei die Stimmung in der Menschenmasse immer aggressiver geworden.

Plötzlich kam dann doch Bewegung in die Szenerie. „Wir sahen, wie viele Leute eine Böschung am Tunnel hochliefen. Und wir hörten laute Schreie“, schildert Nils Eisenhauer. Polizisten marschierten auf. Sie übernahmen auch den Ordnungsdienst an der Absperrung. Kurz darauf sahen die Stadlander, dass eine Vielzahl an Rettungswagen eintraf. „Wir wussten nicht warum, aber wir ahnten, dass etwas Schlimmes passiert sein musste“, berichtet der Kleinensieler.

Kurz darauf hatten er und seine Freunde die Möglichkeit, mit einem Polizisten zu sprechen. Er habe von drei Toten gesprochen. Dass es dann 19 wurden, sprach sich in Windeseile herum. Für sie wurde der Tunnel zur Todesfalle. 342 Raver wurden zum Teil schwer verletzt. Viele mussten wiederbelebt werden. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die Polizei berichtete davon, einige Besucher hätten dem Gedränge und Geschubse aus dem Weg gehen wollen und seien eine Mauer und Treppe hinaufgeklettert. Als einige abstürzten, sei in der Menge Panik ausgebrochen. Augenzeuge gaben an, niemand sei abgestürzt. Vielmehr sei der Tunnel so voll gewesen, dass Besucher zu Tode getrampelt worden seien.

Keine Lust mehr

Für Nils Eisenhauer und seine Freunde war die Party damit zu Ende. „Wir hatten natürlich keine Lust mehr“, berichtet er. Sie bahnten sich jetzt einen Weg zurück in die Innenstadt. Dem Kleinensieler gelang es noch, zu Hause bei seinen Eltern anzurufen, um mitzuteilen, dass ihm und seinen Freunden nichts passiert sei. Anschließend brachen immer wieder die Handynetze zusammen.

Für Nils Eisenhauer war die Veranstaltung „ganz schlecht organisiert“. Das beweise allein die Tatsache, dass das Veranstaltungsgelände nur 250 000 bis 300 000 Besucher habe fassen können, aber offensichtlich 1,4 Millionen Raver die Loveparade live feiern wollten.

Seit Sonntag sind er und seine Freunde wieder zurück in Stadland. „Wir haben in unserem Bully übernachtet, aber wir konnten kaum schlafen.“ Zu Hause verfolgt er intensiv die Nachrichten und holt immer wieder seinen Laptop hervor, um sich Bilder und Filme vom Unglück anzusehen. „So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben“, sagt der 27-Jährige. „Es war schrecklich, aber es ist nicht zu beschreiben, wie man sich gefühlt hat und jetzt noch fühlt.“

Artikel vom 27.07.10 - 06:00 Uhr
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