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Zusatzleistungen im Visier


Wesermarsch. Ob es der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs oder die Lichttherapie bei Winterdepressionen ist: Es gibt eine Vielzahl an individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), die ein Arzt seinem Patienten empfehlen kann. Doch welche dieser Selbstzahlerleistungen ist wirklich sinnvoll? Seit Mittwoch existiert zu diesem Thema ein neues Vergleichsportal im Internet (wir berichteten). In der Region stößt es auf ein positives Echo. Von Timo Kühnemuth


Bislang können sich Internetnutzer auf dem Portal über 24 Angebote informieren, wobei viele als „negativ“ und „tendenziell negativ“ eingestuft werden. Auch sei bei einigen Leistungen der Nutzen unklar. „Es wurden zunächst nur IGeL-Angebote bewertet, die wissenschaftlich untersucht wurden“, sagt hierzu Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Der Verband hat das Internetportal in Kooperation mit dem Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes entwickelt. Hauptziel sei es, Patienten möglichst objektiv und umfassend über die Vor- und Nachteile einzelner Leistungen zu informieren. „Die meisten Patienten sind medizinische Laien. Sie können nicht bewerten, ob das Angebot, das der Arzt ihnen empfiehlt, hilfreich ist“, sagt Ann Marini.

Leider komme es immer wieder vor, dass Mediziner individuelle Gesundheitsleistungen empfehlen, um ihre eigenen Taschen zu füllen. Ein Beispiel sei die Glaukom-Untersuchung, zu der manche Augenärzte raten. „Angeblich lässt sich mit ihrer Hilfe erkennen, ob die Gefahr einer Erblindung besteht. Doch die Wirkung der Methode ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt“, betont Ann Marini.

Die Pressesprecherin schätzt, dass es in Deutschland mehr als 100 individuelle Gesundheitsleistungen existieren. Ihr Verband habe vor, möglichst viele von ihnen auf dem Portal vorzustellen. „Allerdings sind längst nicht alle IGeL von der Wissenschaft analysiert worden“, räumt sie ein. Eine Bewertung sei darum nicht immer einfach.

„Um Bedenkzeit bitten“

Joachim Maass, Pressesprecher der Krankenkasse AOK, begrüßt das neue Portal als eine „unabhängige Informationsquelle“. Generell empfehle er Patienten folgende Vorsichtsmaßnahmen: „Sie sollten sich von ihrem Arzt Bedenkzeit erbeten, bevor sie ihr Einverständnis zu einer solchen Leistung geben. Kommt es zu einer Vereinbarung, muss diese schriftlich fixiert werden. Außerdem sollte der Arzt eine Quittung ausstellen.“

Auch die BKK Melitta Plus hält das Vergleichsportal für ein empfehlenswertes Angebot. „Das ist eine gute Hilfestellung“, sagt Geschäftsführer Wilfried Furche. Es sei für Patienten nicht leicht, sich im Dschungel der Selbstzahlerleistungen zurechtzufinden. Der Markt floriere, denn die Deutschen seien gerne bereit, Gesundheits-, Fitness- und Wellness-Angebote aus eigener Tasche zu bezahlen. „Im Schnitt gibt jeder Bundesbürger pro Jahr rund 900 Euro dafür aus“, weiß er.

Dirk-Egbert Holz, Vorsitzender des Ärztevereins Butjadingen, hat das neue Portal noch nicht testen können. Doch generell empfiehlt er Patienten, sich gut zu informieren, bevor sie eine individuelle Gesundheitsleistung in Anspruch nehmen. Letztlich müsse jeder selbst entscheiden, ob er ein Angebot für hilfreich erachtet oder nicht.www.igel-monitor.de


Es geht um viel Geld

Die individuellen Gesundheitsleistungen sind Leistungen, die Ärzte in Deutschland ihren gesetzlich krankenversicherten Patienten gegen Selbstzahlung anbieten können. Das Wissenschaftliche Institut der AOK schätzte 2010 das Volumen der Leistungen auf 1,5 Milliarden Euro, was einem Anstieg um etwa 50 Prozent im Vergleich zu 2005 entspricht.

Artikel vom 27.01.12 - 12:00 Uhr
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