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„Wesermarsch spielt eine wichtige Rolle“

Lemwerder. Niedersachsen Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) hat in Lemwerder die Dinge in die Hand genommen: Am „Dreimädelhaus“ schnappte er sich gestern Kugel und Krabber – und nahm auf Einladung der örtlichen Liberalen an deren Boßeltour teil. Unser Mitarbeiter Mario Assmann sprach mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten über die Wesermarsch, über die Werften und Windenergie.

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Mit Schwung: Jörg Bode (FDP) beim gestrigen Boßeln von Lemwerder nach Bookholzberg. Foto: ko

Ihr Wohnort Celle gilt nicht gerade als Boßel-Hochburg. Ihre Parteifreunde in der Wesermarsch gehen bereits zum 21. Mal auf Boßeltour. Sie begeben sich gewissermaßen in die Höhle des Löwen...

Jörg Bode: In der Tat bringt man Celle nicht unbedingt mit Boßeln in Verbindung. Es ist allerdings schon so, dass mein FDP-Ortsverband mit Kugeln original aus Ostfriesland jedes Jahr eine Boßelstrecke begeht. Ich habe immer mitgemacht – und hoffe deshalb, nicht Letzter zu werden.

Von der sportlichen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Wesermarsch: Wo liegen die Stärken des Landkreises, wo die Schwächen?

Die Wesermarsch spielt eine wichtige Rolle für Niedersachsen. Das ist zum einen zu sehen an den Seehäfen Brake und Nordenham mit ihren Spezialisierungen Futtermittel, Stahl, Kohle und Erze, mit einer klaren Vernetzung zur Ernährungswirtschaft im Südoldenburger Raum, als Standortfaktor für den Stahlsektor in Salzgitter. Und das ist auch der Grund, warum wir zum Beispiel in die Erweiterung des Hafens Brake, in den Bau des Niedersachsen-Kais investieren. Zum anderen findet sich in der Wesermarsch mit dem hoch spezialisierten Schiffbau und der Elektroindustrie traditionell ein industrieller Kern. Teilweise erleben wir ja in diesem Bereich mit Exportabhängigkeit einen Strukturwandel, den wir als Land begleiten – beispielsweise im Fall von Airbus: Nordenham und Varel unterstützen wir auch weiterhin.

Sonst sehen Sie keinen Handlungsbedarf?

Wir müssen der Wesermarsch noch mehr Infrastruktur-Impulse geben. Es existiert hier trotz der industriellen Bedeutung kein einziger Kilometer Autobahn. Deshalb glauben wir, durch die Küstenautobahn eine wichtige Erschließung hinzubekommen.

Die Werften in der südlichen Wesermarsch sind strukturprägend; Lürssen, Fassmer, A&R florieren offenbar. Lehnen Sie sich mit Blick auf diese Branche beruhigt zurück?

Man kann Werften nicht alle in einen Topf werfen und sagen: Der Branche geht es gut, der Branche geht es schlecht. Wenn Sie etwa den Bau von Megajachten bei Lürssen nehmen, ist das etwas ganz anderes als der Bau von Spezialschiffen bei Fassmer. Die Hersteller wie auch die Kunden sind von der Krise jeweils unterschiedlich stark betroffen. Jedenfalls setzen wir unsere Unterstützung im Werftenbereich fort. So haben wir für die niedersächsischen Werften im Jahr 2009 Landesbürgschaften in Höhe von insgesamt 49 Millionen Euro übernommen.

Aber die drei genannten Werften bereiten Ihnen doch kein Kopfzerbrechen, oder?

Bei Werften schauen wir schon intensiv hin, wie sich die Wirtschaftskrise auswirkt. Da kann man nicht pauschal für die nähere Zukunft Entwarnung geben, denn im maritimen Bereich kommt die Krise etwas später so richtig zur Geltung. Deshalb muss man jetzt sehr vorsichtig sein und mit Hilfe bereitstehen, deshalb auch ist die Küstenminister-Konferenz aktiv. Wir müssen in allen Bereichen, gerade bei den Werften, sehr sensibel sein und schauen, was man tun kann, um die Position zu festigen.

Keinen Grund zur Freude gibt derzeit die angeschlagene Hegemann-Gruppe mit der Roland-Werft in Berne. Vor wenigen Tagen ist mit Martin Hammer der Chefsanierer zurückgetreten. Wie kann das Unternehmen zurück in ruhiges Fahrwasser finden?

Es ist ja so, dass wir eine Lösung gesehen haben durch eine Trennung der Roland-Werft vom Hegemann-Verbund. Die Gespräche waren auch sehr Erfolg versprechend. Von daher müssen wir zusehen, dass es im Verkaufsprozess zügig vorangeht. Wir begleiten dies, stehen mit den Beteiligten in Kontakt und haben ein großes Interesse am Erhalt des Standortes Berne.

Um im maritimen Bereich zu bleiben: Der Umschlag in den niedersächsischen Seehäfen ging 2009 um drastische 16 Prozent zurück. Trotzdem wollen Sie 2010 rund 180 Millionen Euro in die Häfen investieren. Wie passt das zusammen?

Na ja, mit 16 Prozent Rückgang wären die Hamburger und Bremer noch froh. Außerdem handelt es sich bei dem Wert um einen Durchschnitt; man muss sehen, was ihn derart gedrückt hat. Und das ist der Bereich Roh- und Mineralöl, gegen den kommen Sie aufgrund der Krise nicht an. Dafür haben wir im Binnenhafen Oldenburg ein Umsatzwachstum von 34 Prozent, der – und das ist ein Hinweis auf die Notwendigkeit von Investitionen – vom Ausbau der Hunte profitiert hat. Wenn also die Infrastruktur passt, kommen die Aufträge, kommt der Umsatz. Wir prognostizieren für dieses Jahr, dass wir mit vier Prozent im Hafenbereich stärker wachsen als die Gesamtwirtschaft mit ihren zwei Prozent.

Auch die Windenergie musste einen Rückschlag verkraften: Der Nordwesten mit dem Windkraftverbund „Germanwind“ ging beim Spitzencluster-Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums leer aus…

Dass „Germanwind“ und auch das Stader „CFK Valley“ leer ausgingen, halte ich für Fehlentscheidungen. Unsere Projekte waren es allemal wert, berücksichtigt zu werden. Aber der Norden bleibt der Technologieführer in Sachen Windenergie. Offshore macht uns keiner was vor, da sind wir die Pioniere und werden weiter Wachstumsraten haben. Und für die Forschungsprojekte, die jetzt nicht zum Zuge gekommen sind, müssen wir nun Wege suchen, wie sie trotzdem zu realisieren sind. Es wird wahrscheinlich etwas länger dauern, bis man alles durchfinanziert hat.

Die Windenergie ist für Lemwerder von besonderer Bedeutung. Die SGL Group will den SGL-Rotec-Standort zu einem internationalen Technologie- und Fertigungszentrum ausbauen. Welche Schritte unternimmt das Bundesland, um die Branche zu flankieren?

Wir sind mit SGL Rotec in intensiven Gesprächen, wie es in Lemwerder mit der Produktion und – das ist uns noch wichtiger – der Forschung weitergeht. Bei den Planungen für den Standort ist SGL Rotec ja sehr ambitioniert. Das unterstützen wir und überlegen, wie man helfen kann: Im Offshore-Bereich geht das sehr oft unter Zugrundelegung von Bürgschaften.

Das SGL-Wachstum soll auf dem Gelände der EADS-Tochter Aircraft Services Lem-werder erfolgen. ASL-Mitarbeiter und Politiker protestieren, während die Firmen Verkaufsgespräche führen. Geht hier die Flugzeugteile-Fertigung verloren?

Wir begleiten die Gespräche – ähnlich wie bei der Veräußerung der Nordseewerke in Emden an SIAG, wobei wir als Landesregierung Wert darauf gelegt haben, dass die Interessen der Mitarbeiter berücksichtigt werden. So etwas kann nur erfolgreich sein, wenn beide Seiten Gewinner sind. Ich finde es aber gut, dass SGL Rotec auch sagt: Falls das nicht funktioniert, würden wir uns trotzdem nicht von Niedersachsen abwenden, über Alternativen nachdenken, wo man es anders machen kann.

Aber womöglich an einem anderen Ort als Lemwerder?

Das würde ich noch nicht unbedingt sagen; das muss man erst einmal sehen. Alle wollen einen Konsens und streben eine Lösung in Lemwerder an.

Gibt es eine Chance auf einen ASL-Erhalt?

Das Land erwartet schon, dass das Know-how der Flugzeugfertigung, die Verteilung der Arbeitspakete im Norden bleibt. Denn wir haben uns bei Airbus/EADS ja auch stark eingebracht. Es kann nicht sein, dass aufgrund einer Transaktion in Lemwerder die Fertigung im Airbus- oder Eurofighter-Bereich nach Süddeutschland geht.

Artikel vom 08.02.10 - 06:00 Uhr
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