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Ein echter Doc Hollywood

„Wenn man freiberuflich tätig ist, kann man sich seine Arbeit aussuchen.“ Dr. Andreas Kassel macht von dieser Freiheit reichlich Gebrauch. Europaweit ist er als Honorararzt an Krankenhäusern unterwegs, schiebt Dienste bei Autorennen am Nürburgring oder auf Konzerten. Zwischenzeitlich war der 53-jährige Arzt zudem selbst als Musiker in den USA aktiv und landete dabei sogar mit zwei Songs in den amerikanischen Charts.
Barbara Wenke


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Vom Facharzt zum Musiker und zurück: Nach zehn Jahren, in denen er in den USA von seiner Musik gelebt hat, ist Dr. Andreas Kassel mittlerweile wieder in der Medizin tätig. Von Zeit zu Zeit schiebt er dabei als Notarzt Dienst bei der Johanniter Unfallhilfe in Stedingen. Foto wen

Es ist 8 Uhr morgens. Viel geschlafen hat Dr. Andreas Kassel in dieser Nacht nicht. Auch wenn die vergangenen Stunden ruhig waren, sagt der diensthabende Notarzt der Johanniter Unfallhilfe Stedingen, komme man nicht in den Tiefschlaf. Schließlich müsse man jederzeit sofort einsatzbereit sein.

Der 53-jährige Mediziner mag seine Einsätze in Stedingen. Für ihn – mit Wohnsitz im ostfriesischen Sande – ist Stedingen ein Heimspiel. Auch wenn der Anfahrtsweg relativ kurz ist, könnte er sich eine feste Anstellung nicht vorstellen. „Das mach’ ich nicht mehr“, betont er. „Wenn man freiberuflich ist, kann man sich seine Arbeit aussuchen.“

In Zeiten, in denen Ärztemangel herrscht, finde er immer wieder Arbeit, ist sich Kassel sicher. In den vergangenen fünf Jahren sei er jedenfalls ständig ausgebucht gewesen. Übernächste Woche beginnt er beispielsweise am Krankenhaus in Stralsund.

Dort wurde händeringend ein Narkosearzt gesucht. Für den Einsatz in Mecklenburg-Vorpommern musste der Anästhesist einer Klinik im schweizerischen St. Gallen absagen. So ist das nun mal. Der 53-Jährige trauert dem Job nicht nach. Von der Gegend hätte er eh nicht viel gesehen. Mit Urlaub seien seine Reisen nicht zu vergleichen.

Hinterhertrauern tut Andreas Kassel vielleicht höchstens einem gemütlichen Heim mit Familie. „Manchmal bin ich monatelang unterwegs. Wenn ich eine Familie hätte, wäre die damit sicher nicht einverstanden“, erzählt der Junggeselle, der die Ehe allerdings schon ausprobiert hat.

Seinen wohl interessantesten Einsatz hat Andreas Kassel noch als fest angestellter Arzt ergattert: In Hannover betreute er Phil Collins und Genesis bei mehreren Konzerten. „Für die Stones hat man bei mir auch angefragt“, erinnert sich der Mediziner. „Wenn man es darauf anlegt, kann man ständig zu Konzerten reisen.“ Andreas Kassel siebt allerdings aus, betreut nur Veranstaltungen, deren Musik ihm gefällt. „Der Musikantenstadl wär’ nicht so mein Interesse“, räumt Kassel ein.

Der Mediziner hat mit vielen Größen der Musikbranche aber nicht nur als Arzt zu tun gehabt. Mitte der 90er Jahre ist er für eine Dekade ganz in ihre Welt abgetaucht, hat sich in Kalifornien niedergelassen, „viel Laufarbeit betrieben“ – und sich einen Herzenswunsch erfüllt. Unter dem Künstlernamen „Doc Castle“ nahm der deutsche Arzt in den Ocean Way Studios in Hollywood 1997 das Album „Restless“ auf. „Ich hatte zwei Songs in den amerikanischen Radio-Charts“, blickt Andreas Kassel stolz zurück. Vom Rausch der Narkose in den Rausch der Musik titelte eine Fachzeitschrift.

Kürzlich war Andreas Kassel wieder für einige Monate im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ und hat seinem Hobby gefrönt. Gemeinsam mit dem Produzenten Gregg Montante hat „Doc Castle“, ein 16-jähriges Musik-Juwel, entdeckt. Den Namen will Andreas Kassel noch nicht verraten, nur so viel: „Dem sage ich eine große Karriere voraus.“

Auch wenn er sich wieder stärker in der Musik engagiert und plant, seinen Lebensmittelpunkt nach Kalifornien zurück zu verlegen, sagt Andreas Kassel von sich: „Ich bin auf jeden Fall selber mehr Arzt.“ Eigentlich hat er auch gar nicht anders gekonnt, stammt er doch aus einer Medizinerfamilie. Sein Vater holte einst den Rettungshubschrauber „Christoph 26“ nach Sanderbusch und war Sportarzt bei Werder Bremen.

Für Musik hat sich Andreas Kassel allerdings seit seiner frühesten Jugend ebenfalls interessiert. „Wenn man aus einem Medizinerhaushalt kommt, gilt das aber natürlich als brotlose Kunst.“


Artikel vom 12.05.12 - 12:00 Uhr
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