
Ein Schiff wird kommen, hatten die Veranstalter von Brake Events dem Sänger versprochen. Bei seinem ersten Auftritt in Brake 2006 hatte er von der Weser und den Schiffen nur so geschwärmt. Freitagabend hatten sie ihm gleich mehrere an die Pier gelegt. Fünf Traditionsschiffe werteten den Musik-Event optisch auf. Und es war ein schönes Bild, nicht nur für die elf Akteure auf der Bühne.
Die Fans erlebten den Genesis-Kult diesmal etwas anders. Es gab nicht nur Bombast-Rock, wie man ihn sonst vom weltbekannten Pop-Quartett aus den 80er und 90er Jahren kennt. „Pop meets Symphonie“ stand im Programmheft.
Damit touren Ray Wilson & The Berlin Symphonie Ensemble 2010 durch Deutschland und Europa. Violinen und Cello veredeln den harten Sound der vielen Nummer-Eins-Alben, die Genesis in seiner Blütezeit abgeliefert haben. 150 Millionen sind über den Ladentisch gegangen.
Rund 70 Mal tritt der Schotte Wilson, von 1997 bis 1999 Sänger der legendären Popgruppe, bei seiner diesjährigen Tournee auf – vor allen Dingen in seiner neuen Wahlheimat Polen und in Deutschland. Hier hat der schottische Sänger mit der dominanten Stimme eine große Fangemeinde.
Und hier legt er die alten Genesis-Scheiben in neuem Gewand wieder auf. So auch Freitagabend. Beim Hafenfest gab’s echte Streichel-Einheiten – die vom Cello und den drei Violinen in seiner elfköpfigen Formation.
Der Sänger kam direkt von einem Auftritt auf den Azoren nach Brake. Das sprichwörtliche Azorenhoch hatte er zwar nicht im Handgepäck mitgebracht. Aber das launische Wetter der letzten Tage blieb wenigstens gut beim Open Air.
Schaut man in Ray Wilsons Tourkalender , sieht man jedes Wochenende einen Bühnentermin, oft auch zwei. Immer kreuz und quer durch Europa. Normalerweise geht das auf die Knochen. Aber Müdigkeit war in seiner Performance beim Hafenfest ganz und gar nicht auszumachen. Die Haare flogen, er wirbelte nur so über die Bühne.
Mit seiner rauen, kräftigen Stimme fabrizierte er nicht alten Dampfwalzenrock, er sang die Streicher nicht in Grund und Boden. Das Ergebnis: Perfekte Symphonie in einer besonderen Rocknacht vor maritimer Kulisse.
Die Veranstalter von Brake Events zeigten sich denn auch schon in der Pause zufrieden. 1200 Karten seien im Umlauf. Und der vielen Sponsoren wegen hätte der Eintritt (18,50 Euro) niedrig gehalten werden können, verkündeten Thomas Bäker und Norbert Ostendorf: „Gäbe es die vielen Helfer nicht, hätte das Ticket 30 Euro kosten müssen.“
Frenetisch forderten die Wilson-Fans zum Schluss – es war inzwischen weit nach elf Uhr – die letzte Zugabe. Diesmal aus seiner ganz frühen Zeit als „Stiltkin“-Sänger in Schottland. „Inside, Inside“ skandierten sie. Bis er ihnen auch diesen Gefallen tat, mit wehender Mähne auch jenen Titel intonierte und vom zentimeterdicken Staub der Musikgeschichte befreite.
