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„Die Sprache ist der Schlüssel“

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„Die Wirtschaft muss bereit sein, auch erst mal nur radebrechend Deutsch sprechende Flüchtlinge zu nehmen“, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Foto Scheschonka

Bremerhaven. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer steht in der Flüchtlingsfrage weiterhin hinter Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Im Gespräch mit Tim Albert, Ulrich Kroeger und Christoph Willenbrink zeigte sich der Bremerhavener Unternehmer zuversichtlich, dass Deutschland von der Zuwanderung sogar profitieren werde.

Herr Kramer, anfangs haben Sie den Optimismus der Kanzlerin geteilt, dass Deutschland mit dem Zustrom der Flüchtlinge zurechtkommt. Lässt Ihr Optimismus mittlerweile nicht doch etwas nach?
Nicht durch den Populismus, der derzeit durch Deutschland schwappt. Was wir da wahrnehmen, ist vielleicht auch gar nicht repräsentativ, wenn ich mir anschaue, was an Hilfsbereitschaft da ist. Das sind aber wie so häufig eher ruhige Menschen, während die mit den populistischen Parolen einfach nur lauter sind. Ich glaube, wenn man die Flüchtlingspolitik richtig erklärt und schrittweise das voranbringt, was man sich vorgenommen hat, ist der Rückhalt in der Bevölkerung größer, als oft angenommen wird.

Ingo Kramer (63) ist seit 1983 geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe J. Heinr. Kramer in Bremerhaven.

Arbeitgeberpräsident ist der gebürtige Bremerhavener seit 2013.

Der Wirtschaftsingenieur ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft.

Sie haben auch gesagt, dass Flüchtlinge Deutschland nicht zuletzt in wirtschaftlicher Hinsicht bereichern. Sehen sie das immer noch so?
Ja, dazu stehe ich weiterhin, langfristig kann das aufgehen. Und zwar aus zwei Gründen. Der erste Grund: Wir haben ein demografisches Problem in Deutschland. Wir wissen, 2030 sind wir sechs Millionen Erwerbsfähige weniger, und wir müssen diese sechs Millionen an volkswirtschaftlicher Leistungskraft irgendwo herholen und uns um Zuwanderung kümmern. Am besten wäre gezielte Zuwanderung, aber nun haben wir die Flüchtlinge. Da ist es doch logisch zu sagen: Okay, wir bringen sie durch Schule, durch Ausbildung, durch Weiterbildung dahin, dass sie hier auch ein selbstbestimmtes Leben leben können.

Wenn Flüchtlinge uns beim Demografieproblem helfen, macht es Ihnen da nicht Sorge, wenn Frau Merkel sagt, dass Flüchtlinge auch wieder zurückgehen?
Nein, das macht mir keine Sorgen, weil es der Realität entspricht. Viele Flüchtlinge sind gekommen, weil sie in ihrer Heimat nicht bleiben konnten, würden jedoch zurückkehren, wenn dort wieder Ruhe eingekehrt ist. Aber wir wissen nicht, wann dort Ruhe einkehren wird, und wir wissen nicht, wer zurückkehren wird. Deutschland hat übrigens gute Erfahrungen damit gemacht, wenn Menschen, die hier ausgebildet wurden, wieder in ihre Heimatländer zurückgingen. Das waren unsere ersten Ansprechpartner in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht.
Also ein Return on Invest auf dem Umweg?
Man darf das nicht alles nur ökonomisch betrachten, man muss das vor allem auch gesellschaftlich und außenpolitisch sehen. Hinzu kommt der zweite Grund: Flüchtlinge sind auch eine kulturelle Bereicherung. Warum gibt es im Silicon Valley so viel Kreativität und hier nicht? Das liegt nicht nur an den klimatischen Bedingungen, das liegt besonders auch daran, dass es dort einen Schmelztiegel gibt, in dem Menschen aller Kulturen, Hautfarben und Altersgruppen zusammenarbeiten. Das könnte Deutschland auch gebrauchen, statt immer nur im eigenen Saft zu schmoren.

Laut Bundesagentur für Arbeit kann der deutsche Arbeitsmarkt jährlich 350 000 Flüchtlinge aufnehmen. Ist das realistisch?
Mir war immer klar: Wir können sehr viele Flüchtlinge integrieren und wir müssen sie integrieren. Aber dass die Zahl so hoch ist, hat auch mich doch sehr überrascht. Auch das wird nur gelingen, wenn wir noch eine Menge an Voraussetzungen herstellen. Dazu sind viele Maßnahmen erforderlich. Ein Selbstläufer ist das nicht.

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, ist sowieso offenbar nicht so einfach wie anfangs angenommen. Wie machen wir Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt?

Dass etwas nicht einfach ist, ist kein Grund, es nicht zu machen. Im Gegenteil: Eine Herausforderung ist dazu da, bestanden zu werden und nicht vor ihr zurückzuweichen. Also: Wir müssen die überwiegend jungen Menschen – über 50 Prozent sind unter 25 Jahre alt – ausbilden, und der Schlüsselfaktor dafür ist die Sprache. Wir müssen also alles investieren, damit sie möglichst schnell Deutsch lernen.

Aber wird genau da genug getan?

Es wird schon sehr viel getan, aber ich glaube, es kann noch mehr getan werden. Wenn ich mir ansehe, wie schnell das in den vergangenen Monaten gesteigert wurde, bin ich ziemlich sicher, dass wir in einigen Monaten auf dem Level sein könnten, den wir brauchen. Das kostet Geld, aber das ist eine der besten Investitionen, die wir tätigen können.

Was kann da ganz konkret die Wirtschaft leisten?
Wir sind zwar nicht für den Schulunterricht zuständig, aber wir können zwei Dinge machen. Zum einen können wir über unsere Organisationen den Sprachunterricht fördern – das tun wir mit den Industrie- und Handelskammern, den Handwerkskammern und mit der Bundesagentur für Arbeit. Der zweite Punkt ist: Die Wirtschaft muss bereit sein, auch erst mal nur radebrechend deutsch sprechende Flüchtlinge zu nehmen. Nach einem Jahr Deutschunterricht sind insbesondere die jungen Leute so weit, dass sie dem Berufsschulunterricht folgen können. Sie beherrschen vielleicht nicht die Grammatik und haben einen Wortschatz, der noch nicht über 5000 Wörtern liegt, aber wenn sie dann in ein Unternehmen hineinkommen, sind sie in einem komplett deutschsprachigen sozialen Umfeld, und der Rest geht ruck, zuck.

Aber oft heißt es: Der spricht noch nicht gut, der ist nicht so qualifiziert, dem können wir nicht so viel Geld zahlen. Braucht es nicht Ausnahmen vom Mindestlohn?
So sehr ich sonst gegen den staatlich festgesetzten Mindestlohn bin, bin ich auch dagegen, Deutsche und Flüchtlinge unterschiedlich zu bezahlen und sie gegeneinander auszuspielen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Flüchtlinge Deutschen vorgezogen werden, weil sie billigere Arbeitskräfte sind. Das wäre Gift für unsere Gesellschaft.

Immer mehr EU-Staaten führen wieder Schlagbäume ein. Was passiert, wenn das Schengen-System des freien Grenzverkehrs scheitert?
Grauenhafte Vorstellung! Das Schengen-System ist einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Baustein der europäischen Einigung. Es macht Europa mit 500 Millionen Einwohnern zum größten einheitlichen multinationalen Wirtschaftsraum. Dies infrage zu stellen, nur weil wir ein Problem in ein paar Monaten nicht lösen konnten, wäre katastrophal. Ich glaube nicht, dass es so weit kommt, das will wirklich niemand.

Rechtsextreme kochen ihr Süppchen mit der Flüchtlingsproblematik, die AfD liegt in Umfragen im zweistelligen Bereich. Fürchten Sie einen Imageschaden für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Nein. Ähnliches haben wir ja schon mal gehabt, denken Sie nur an die NPD in den sechziger Jahren. Wenn sich die Dinge aus Sicht der Bevölkerung wieder normalisieren und die prognostizierten katastrophalen Entwicklungen gar nicht eintreten, dann normalisieren sich auch wieder das Wählerverhalten, die Einstellung der Bevölkerung und damit die internationale Wahrnehmung.

Nun reisen mit den Flüchtlingen auch Terroristen ein. Schürt das nicht Ängste?
Glauben Sie etwa, dass die nicht gekommen wären, wenn es den Flüchtlingszuzug nicht gäbe? Die kommen nicht, weil es Flüchtlingswege gibt, die nutzen sie nur. Gekommen wären sie auch auf anderem Wege, und im Übrigen leben wir mit der terroristischen Bedrohung seit langer Zeit.

Sie sind also mit der Asylpolitik der Bundesregierung zufrieden?

Jein. Ich finde, die Richtung stimmt, wünschte mir aber ein höheres Tempo und eine schnellere Umsetzung.

Nennen Sie uns bitte drei Maßnahmen, die aus Ihrer Sicht zur Lösung der Flüchtlingskrise unerlässlich sind.
Erstens: Wir müssen diejenigen, die zu uns kommen, ertüchtigen, sich zu integrieren. Das heißt: Deutsch lernen, Deutsch lernen, Deutsch lernen. Dann, davon bin ich überzeugt, bekommen wir sie in Handwerks- und andere Berufe hinein. Zweitens: Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen, die flüchten müssen, aber eigentlich in der Nähe ihrer Heimat bleiben wollen, da auch bleiben können, in ihrem Kulturkreis und in der Nähe ihrer Verwandtschaft. Drittens: Wir müssen die Verfahren derjenigen, die tatsächlich keine Chance haben, bei uns Asyl zu bekommen, zügig abschließen und die Betroffenen wieder abschieben. Nur dann können wir denjenigen, die wirklich verfolgt werden, Schutz in unserem Land und in Europa geben.

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