
Es ist ein kleines, unabhängiges Plattenlabel, das bei der Grammy-Verleihung am Sonntag gegen große Namen der internationalen Musikbranche antritt: Die 1975 in Bremen gegründete Musikfirma Bear Family Records will sich mit dem Box-Set „The Bristol Sessions – The Big Bang Of Country Music“ beispielsweise gegen Paul McCartney, Elvis Presley und Neil Diamond behaupten. Die Box im LP-Format mit fünf CDs und einer 120-seitigen Foto- und Text-Dokumentation geht gleich in zwei Kategorien ins Rennen: „Best Historical Album“ und „Best Linernotes“.
„Ich habe Anfang Dezember über Ted Olsen, den Hauptautor und Rechercheur des Projekts aus Tennessee, von der Nominierung erfahren. Er rief mich mitten in der Nacht an. Erst dachte ich, er mache einen Witz“, sagt Bear-Family-Gründer Richard Weize.
Weize kennt Künstler in aller Welt, Schlagerstars aus alten Tagen ebenso wie Country-Ikonen, und hat sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert. 2000 Produktionen (Boxen, Einzel-CDs, DVDs) sind auf dem Markt, darunter solche mit Songs des frühen Johnny Cash und das musikalische Werk Dean Martins. Anfänglich von Branchenkollegen belächelt, ist Weize über die Jahre zum König einer Nische im Musikbusiness geworden. Für große Plattenfirmen lohnen sich solche Produktionen in der Regel nicht, weil sie auf den Massenmarkt und hohe Umsatzzahlen setzen.
In Deutschland stagniert der Absatz der „Bristol Sessions“. „Das war klar bei dem Thema. Der Urknall der US-Countrymusic, als der Schallplattenpionier Ralph Peer in diesem vollkommen unbedeutenden Bristol so eine Art Castingshows mit Wanderpredigern, Gospelsängern und Blues-Gitarristen veranstaltete, aus denen Jimmie Rodgers und die Carter Family hervorgegangen sind – wen interessiert das schon bei uns?“ Weize ist zwar besessen, aber auch Realist.
In den USA sieht das anders aus. „Bei der Präsentation der CDs stand ganz Bristol Kopf. Es gab Leute, die haben gleich zwei Boxen mitgenommen, eine für sich und eine zum Verschenken an die Enkel. Und ich musste Autogramme geben. Ich!“ Weize hat einmal mehr seinen Ruf als großer Country-Experte und Konservator von Musikgeschichte verteidigt. Auch in der US-Presse gab es beste Kritiken für die liebevoll und penibel zusammengestellte Sammlung sämtlicher noch erhaltenen Aufnahmen, die Ralph Peer vor acht Jahrzehnten machen ließ.
Fliegt Weize zur Preisverleihung am Sonntag nach Los Angeles? „Auf keinen Fall, das ist zu weit, und ich hab’ hier genug zu tun.“ Aber über einen Preis für die Box, an der er drei Jahre gearbeitet hat, bis alle Ton- und Bilddokumente aufgetrieben waren, würde er sich schon freuen. „Ich habe 2010 schon einen Echo für mein Lebenswerk bekommen. Nun noch einen Grammy dazu – das wäre die Krönung.“
